Interview / Künstler:innen

"Die Zukunft ist bunt und die Zukunft ist wild!" - Ein Gespräch mit der Cembalistin Elina Albach

 

Elina Albach ist eine international gefragte und vielfach ausgezeichnete Cembalistin. Bereits mit fünf Jahren begann sie mit dem Cembalospielen. Die gebürtige Berlinerin studierte an der renommierten Schola Cantorum Basiliensis  und ist auch als musikalische Leiterin mit verschiedenen Formationen wie dem Vocalconsort Berlin oder der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker zu hören. 

 

Das von ihr gegründete fluide Ensemble CONTINUUM gilt als eine der europaweit wichtigsten Keimzellen für eine radikal frische, zukunftsgewandte Herangehensweise an die Alte Musik. Keys Cafe berichtete bereits über die Aufführung von Bachs Musikalischem Opfer durch Elina Albach und CONTINUUM beim Festival SPAM Berlin im Februar 2026.

 

Seit diesem Jahr ist sie Trägerin des renommierten, von der Philip Loubser Foundation verliehenen Glenn Gould Bach Fellowship (2026–2028), in deren Rahmen sie die digitale und elektro-akustische Transformation des Cembalos erforscht.

 

Im Gespräch mit Keys Cafe erzählt sie uns über neue Wege, die sie beschreitet, um die Möglichkeiten des Cembalos und der Alten Musik neu auszuloten.

 

Keys Cafe: Das Cembalo schaut als Instrument auf eine rund 600jährige Geschichte zurück. Zwischenzeitlich geriet es nahezu in Vergessenheit und wurde dann im 20. Jahrhundert „wiederentdeckt“. 

Würdest du das Cembalo im 21. Jahrhundert als ein zeitgenössisches Instrument bezeichnen oder ist es doch eher ein historisches Relikt?
 

Elina Albach: Das Cembalo hat für mich etwas Zeitloses, weil es einerseits natürlich aufs Engste mit der Musik zwischen 1550-1780 verknüpft ist, aber durch seine Tonerzeugung und Eigenheiten auch perfekt für zeitgenössische Musik und Techniken geeignet ist. 

Ich finde es spannend, dass es noch sehr viel Entwicklungspotential mit diesem Instrument gibt, gerade weil es zwischendurch eine Pause gab und die Renaissance des Instrumentes im 20. Jahrhundert u.a. mit technisch ganz anderen Cembali begann (man denke an die großen Pedalcembali etc.). Ich würde dem Instrument sogar in Zukunft eine wesentlich größere Rolle und Einsatzfähigkeit prophezeien, als es in den letzten Jahrzehnten der Fall war! 

 

Keys Cafe: Wie hast du das Cembalo als dein Instrument entdeckt? 

Elina Albach: Meine Eltern hatten ein Zimmer voller Tasteninstrumente - da habe ich schon als Kind unter dem Cembalo gelegen... 

Mein erster Cembalolehrer hat dann, als ich fünf Jahre alt war, angefangen, mir lustige Sachen wie Boogie-Woogie etc. auf dem Instrument beizubringen, aber so richtig "gecatcht" hat das Instrument mich, als ich in die Improvisations- und Generalbasswelt eingetaucht bin. Da hat sich eine Freiheit gezeigt und ein grenzenloser Kreativitätsraum eröffnet, den ich unbedingt bespielen wollte!

 

Keys Cafe: Wenn dich junge Eltern fragen, warum ihre Kinder das Cembalospielen erlernen sollten. Was würdest du ihnen antworten?  

Elina Albach: Wenn die Kinder einen freien Geist und starken eigenen Willen haben, ist das das passende Instrument. Generalbass-Spielen ist wie eine Sprache: je früher man sie lernt, desto natürlicher spricht man sie. Und da Kinder oft eine grenzenlose Fantasie haben, ist das dann das perfekte Match.  

 

Keys Cafe: Die Stadt Weimar hat an dich das Glenn Gould Bach Fellowship für die kommenden beiden Jahre vergeben. Den Musiker:innen soll mit diesem Stipendium die Möglichkeit gegeben werden, ihre anspruchsvollen und innovativen Medienprojekte zur Musik J.S. Bachs und der Barockzeit realisieren zu können. Es soll darum gehen, Träume zu verwirklichen und Genregrenzen zu überschreiten. 

Im Rahmen der Thüringer Bachwochen hast du im April dein Projekt vorgestellt. Magst du ein wenig skizzieren, welche Hoffnungen und Erwartungen du selbst mit den kommenden zwei Jahren verbindest?

Elina Albach: Ich freue mich riesig und bin sehr geehrt, das Glenn Gould Bach Fellowship erhalten zu haben und bin wahnsinnig gespannt, was sich daraus alles entwickeln wird. Erste Forschungen und Workshops waren vielversprechend und ich bin sehr hoffnungsvoll, dass ich damit Zeit und Möglichkeiten finde, neue elektronische Klangwelten für das Cembalo zu öffnen. 

Vereinfacht gesagt, soll der barocken Affektenlehre eine elektro-akustische Effektenlehre gegenüber gestellt werden - wie genau das aussehen wird, kann man über die zwei Jahre immer wieder in Weimar begleiten.  

 

Keys Cafe: Wie sieht für dich die ideale Zukunft der Alten Musik aus?

Elina Albach: Eine Utopie wäre eine Szene, in der Musiker:innen miteinander kooperieren, Netzwerke bauen, sich unterstützen und gemeinsam eine auf Respekt und Wertschätzung basierende Zusammenarbeit entwickeln. Dieses jenseits von dem Genie- und Dirigentenkult der "goldenen Ära" der Alten Musik - so individuell und vielfältig die neuen Generationen der Barockinstrumentalist:innen und Sänger:innen sind, so divers und großartig könnte das Portfolio sein. 

Das funktioniert nur, wenn wir als Freie Szene entsprechend nachhaltige Finanzierungsmodelle über Förderungen erreichen, Fürsprecher:innen in der Politik haben und auch die großen Häuser und großen Festivals anfangen, die Diversität zu feiern und mutig zu sein, neue Wege mit der alten Musik zu gehen.

"Die Revolution des Cembalos war und ist vorrangig weiblich."

Keys Cafe: Auch wenn die Cembalowelt manchmal männlich dominiert scheint, spielten Frauen sowohl als Komponistinnen für das Instrument ebenso wie für die Alte Musik eine wichtige Rolle. Und auch die Renaissance des Cembalos im 20. Jahrhundert ist nicht zuletzt maßgeblich einer Frau, der Pianistin Wanda Landowska, zu verdanken. 

Du hast dich wiederholt mit Cembalistinnen und ihrem Werk befasst. Welche Cembalistin ist für dich die größte Inspiration bei deiner Arbeit gewesen?

Elina Albach: Für mich ist die Cembalistin Élisabeth Jacquet de la Guerre eine riesige Inspiration. Ihre Werke, die Cembalo Solo Kompositionen, die Sonaten für Violine und Continuo, die Kantaten für Sopran und Instrumente und nicht zuletzt ihre Oper - das müsste alles einen viel prominenteren Platz in der Konzertwelt haben, das ist absolut großartige Musik! 

Zusätzlich scheint sie ein sehr spannendes und bewegtes Leben gehabt zu haben und sich nicht zuletzt unabhängig von Mann und Anstellung, unternehmerisch behauptet zu haben - und das im 18. Jahrhundert in Paris! 

Es gab neben Wanda Landowska noch eine ganze Reihe von Pionierinnen im 20. Jahrhundert: alle drei Ligeti Werke für Cembalo wurden für Frauen komponiert: Antoinette Vischer, Eva Nordwall und die legendäre Elźbieta Chojnacka - für Letzere schrieben auch Komponisten wie Xenakis und Gorecki. Aber auch in der historischen Aufführungspraxis waren Cembalistinnen wie Huguette Dreyfus und Isolde Ahlgrimm unglaublich wichtig, Zuzana Růžičková muss hier auch unbedingt genannt werden. 

Ich wage mal eine steile These: die Revolution des Cembalos war und ist vorrangig weiblich.

 

Keys Cafe: Das Werk welcher Komponist:innen möchtest du in Zukunft noch tiefer erkunden?

Elina Albach: Da gibt es so viele! Die bereits erwähnte Oper von E. Jacquet de la Guerre möchte ich unbedingt aufführen. Zeitgenössische Komponist:innen rund um Caroline Shaw und ihre US-amerikanischen KollegInnen faszinieren mich unendlich. 

Ich komme immer wieder in allen Situationen zu Johann Sebastian Bach und Johann Jacob Froberger zurück - das wird ein Lebenswerk bleiben. Und perspektisch unbedingt mit Komponist:innen heutiger Zeit neue Musik für das Instrument und elektro-akustischen Möglichkeiten entwickeln.

Elina Albach spielt das Cembalokonzert von Caroline Shaw: "Concerto for Harpsichord and Strings", mit dem Ensemble CONTINUUM im Rahmen des Eröffnungskonzerts des SPAM-Festivals Berlin am 21.02.2025.

 

Keys Cafe: Als gebürtige Berlinerin trittst du immer wieder auch in deiner Heimatstadt auf. Berlin ist eine Stadt mit Tradition in den unterschiedlichsten Musikgenres. Welche Bedeutung spielt dabei die Alte Musik? Wie können die Alte Musik und historische Tasteninstrumente wie das Cembalo noch stärker in der Stadtgesellschaft verankert werden? 

Elina Albach: Was mich an Berlin fasziniert, ist, dass so vieles nebeneinander koexistieren kann. Die klassisch-barocken Konzertgänger:innen haben ihr Repertoire und ihre etablierten Räume, die experimentellen Künstler:innen sind im Radialsystem, der Villa Elisabeth und den vielen anderen Spielstätten zu Gast: wie schön, dass wir diese Vielfalt haben und leben. 

Etwas in die Stadtgesellschaft in Berlin zu verankern, ist neben den großen "Tankern" wie den Berliner Philharmonikern und Opernhäusern noch unmöglich - wer weiß, was die Zukunft bringt! Die Zukunft ist bunt und die Zukunft ist wild.

 

Keys Cafe: Inwiefern bieten da auch neue Konzepte Möglichkeiten - auch abseits der gängigen Aufführungspraxis in den angestammten Spielstätten?


Elina Albach: Neue Konzepte sind im Jahr 2026 auch nicht mehr wirklich neu, der Konzerformat-Pionier Folkert Uhde hat damit in Berlin schon vor vielen Jahren europaweite Maßstäbe gesetzt. In der Alten Musik setzen sie sich nur langsamer als in anderen Genres durch. 

Dass die angestammten Spielstätten für die barocken Instrumente gar nicht ideal sind und klanglich oft für moderne Instrumente/Orchester gebaut und ausgelegt wurden und umgekehrt die Barockmusik nie für klassische Konzertsäle komponiert wurde, ist eine fantastische Situation für eine Stadt, die vor spannenden Orten nur so wimmelt - da gibt es reichlich andere Räume, die man bespielen kann! 

 

Keys Cafe: Die historisch informierte Aufführungspraxis hat sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert und hat wahre Pionierarbeit geleistet. Ohne sie würde das Cembalo sicher nicht so häufig gespielt und gehört wie es das heute wird. 

Was kann man aber tun, damit diese musikalische Strömung weiter besteht und nicht selber zu einem bloßen, in ihrer Zeit verhafteten Phänomen wird. Braucht es also gar ein Update?

Elina Albach: Unbedingt! Cembalo 3.0! 

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Torben Bührer.

Abbildung: Elina Albach.

Dieses Interview entstammt dem Keys Cafe Newsletter #11 - September 2026. 

Elina Albach spielt J.S. Bachs Partita Nr. 5 in G-Dur (BWV 829) im Rahmen des Projekts "All of Bach" der Netherlands Bach Society.

©Torben Bührer. Alle Rechte vorbehalten.

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