Mozart und das Clavichord

Essay / Instrumente

Das leiseste Instrument der Welt - Über Mozart und das Clavichord

Von Torben Bührer

Neulich befand ich mich auf Dienstreise. Früh morgens stieg ich in Berlin auf den Zug in Richtung Erfurt. Während der Fahrt schaute ich mich um. Die meisten anderen Fahrgäste waren vertieft in ihre Arbeit. Meine Mitfahrerin auf dem Sitz schräg gegenüber vom Gang bewegte leise klickernd die Finger über die Tasten ihres Laptops. Angestrengt blickte sie auf den kleinen Bildschirm. Andere waren mit ihren Smartphones beschäftigt, ein paar waren in ein Buch oder eine Zeitschrift vertieft.

Ich schaute mir die in Windeseile vorbeiziehende zart-hellgrüne Frühlingslandschaft an. Dabei hörte ich Musik über meine Kopfhörer – ein schönes neues Album, das im vergangenen Jahr erschienen war: „Mozart's Clavichord – Arias, Lieder and Keyboard Pieces“, gesungen von dem Wiener Bariton Georg Nigl und gespielt am Clavichord von Alexander Gergelyfi.

Der Cembalist und Clavichordist Alexander Gergelyfi spielt dabei auf dem originalen Clavichord von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Dieses wunderbare Instrument befindet sich heute im Besitz der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg. Die Aufnahme entstand in Mozarts Geburtshaus in Salzburg. 

Alexander Gergelyfi spielt Mozarts Clavichord. Gemeinsam mit dem Wiener Bariton Georg Nigl hat er 2025 das wunderbare Album "Mozart's Clavichord" eingespielt (erschienen bei Alpha Classics).

 

Von Salzburg nach Wien in sechs Tagen

Beim Hören der Ouvertüre zur Zauberflöte, auf dem Album arrangiert von Alexander Gergelyfi für Clavichord, dachte ich darüber nach, wie man zu Mozarts Zeiten gereist war. Die damalige Reisegeschwindigkeit war mit im Schnitt sieben Kilometern pro Stunde um einiges geringer als die des ICE in dem ich saß. Eine Reise von Salzburg nach Wien dauerte damals sechs Tage. 

Reiste man mit der Postkutsche durch die Welt, musste man so einige Strapazen über sich ergehen lassen. Strapazen, die wohl selbst manch Kritiker:in der Deutschen Bahn demütig gestimmt hätte. Die Fahrt begann oft schon in der Nacht, man war Gefahren wie Unwettern, Überfällen und Unfällen ausgesetzt. 

Trotz dieser Widrigkeiten reiste Mozart in seinem nur 35 Jahre währenden Leben ausgesprochen viel. Er befand sich zwischen 1762 und 1791 auf insgesamt 17 großen Reisen – ein Drittel seines Lebens war er also buchstäblich auf Achse. 

Seine berühmte große Westeuropareise mit den Eltern Leopold und Anna Maria sowie seiner älteren Schwester Maria Anna, genannt Nannerl, führte ihn gar bis nach England. Vater Leopold ließ es sich einiges kosten, damit er auf der dreijährigen Reise durch Westeuropa seinen Sohn an den Fürstenhöfen anpreisen konnte und um ihm eine gewichtige Stellung zu verschaffen. 

 

Ein artiges Clavierl“ aus Augsburg für den jungen Mozart

Auf dieser 1763 begonnenen Reise machten die Mozarts auch in Vater Leopolds Heimatstadt Augsburg halt. Dort kaufte er seinem Sohn kurzerhand dessen berühmtes Reiseclavichord. Dieses von Johann Andreas Stein 1762 gebaute, handliche und leichte Instrument war wie geschaffen für die Reisen mit der Postkutsche. Schließlich sollten die langen Fahrten auch für die Arbeit genutzt werden. So beschrieb Leopold das Instrument auch als ein Übungsinstrument: 

„Ich habe ein artiges Clavierl vom H. Stein in Augspurg gekauft, welches uns wegen dem Exercitio auf der Reise grosse Dienste thut.“

Und während meine Mitreisenden auf der Fahrt nach Erfurt weiter auf ihre Laptops eintippen, denke ich an den siebenjährigen Mozart, wie er auf seiner Reise eigentlich nichts anderes getan hat: In der Kutsche wird gearbeitet, während draußen die Landschaft vorüberzieht. 

 

Das Reiseclavichord als früher Laptop?

Das Reiseclavichord also als früher Laptop? Von den Maßen und vom Gewicht her war das Reiseclavichord Mozarts doch etwas größer, aber dennoch ein sehr kleines Instrument. Bei einer Breite von rund einem Meter, einer Tiefe von nur 30 Zentimetern und einer Höhe von rund zehn Zentimetern war es sehr kompakt und ideal für unterwegs. Der Tonumfang betrug immerhin viereinhalb Oktaven. Zum Vergleich: Das heutige Klavier hat rund sieben Oktaven Tonumfang.

Aber so ganz passt das Bild dann doch nicht, denn während es in meinem ICE-Abteil sehr leise und bequem ist, dürfte die Kutschfahrt für Mozart durch das Knallen der ungedämpften Holzräder auf dem Kopfsteinpflaster, das nur manchmal mit Sand zur Dämpfung überzogen war, sehr laut und ruckelig gewesen sein. Aber dennoch, in Pausen, wenn es mal nicht mehr weiterging, oder abends im Gasthaus, wurde auf dem Instrument gespielt, es wurde gearbeitet. 

Und während mancher auf Dienstreise dann abends im Hotelzimmer zum Vergnügen auf sein Smartphone schaut oder Musik hört, durfte Mozart dann für andere Gäste – manches mal auch gegen einen Preisnachlass bei der Übernachtung – gespielt haben.

Gebundenes Clavichord, Christian Gottlob Hubert, Ansbach 1784. Zu sehen im Musikinstrumentenmuseum Berlin. Darüber ein Gemälde, das den italienischen Komponisten Ignazio Fiorillo (1715-1787) zeigt (anonym).

 

Was ist überhaupt ein Clavichord?

Aber was ist überhaupt ein Clavichord? Dieses Tasteninstrument schaut auf eine rund 600 Jahre lange Geschichte zurück. Es gehört damit zu den ältesten mechanischen Tasteninstrumenten. Das älteste heute noch erhaltene Clavichord von dem venezianischen Instrumentenbauer Domenicus Pisaurensis (1533-1575) befindet sich im Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig. 

Im späten Mittelalter, in der Renaissance und im Barock spielte das Clavichord eine wichtige Rolle. Irgendwann war es aus dem musikalischen Leben der Menschen nicht mehr hinwegzudenken. Während das Cembalo viel teurer und eher ein Instrument der adeligen Gesellschaft war, war das Clavichord weitaus verbreiteter als es das Klavier in unserer heutigen Zeit ist. 

In den Gasthöfen, beim Barbier, in den Stuben zu Hause, überall befand sich dieses Instrument in unterschiedlichster Größe und Ausführung. Deshalb war auch meistens das Clavichord gemeint, wenn man vom bis ins 19. Jahrhundert geläufigen Begriff „Clavier“ sprach. Der Name „Clavichord“, der 1396 erstmalig nachweislich erwähnt wird, setzt sich wiederum zusammen aus dem lateinischen Wort „clavis“ – Schlüssel – aus dem das Wort Taste abgleitet wurde, und dem Wort „chorda“ – Saite. 

 

Eine recht simple Mechanik

Und während beim Cembalo die Saiten von Federkielen, die an einem Springer befestigt sind, angerissen werden, ist die Mechanik beim Clavichord noch um einiges simpler. 

Am anderen Ende der Tastenhebel befinden sich kleine Metallstifte, sogenannte Tangenten. Diese schlagen beim Spielen an die Saiten. Anders als beim Cembalo oder beim Pianoforte wird dann aber nicht die ganze Saite in Schwingung versetzt, sondern die Tangente fungiert gleichzeitig als Steg und bringt nur den Saitenteil vom Anschlagspunkt aus rechtsseitig zum Schwingen. 

Im Wesentlichen wird zwischen „gebundenen“ und „bundfreien“Clavichorden unterschieden. Die früheren Clavichorde waren meist „gebunden“, das heißt, dass nicht jeder Taste eine eigene Saite zugeordnet ist. Stattdessen wird jede Saite für zwei, manchmal auch für drei Töne gebraucht. Dies bedeutet, dass die Töne, die sich eine Saite teilen, nicht gleichzeitig zum Klingen gebracht werden können. Hintergrund ist, dass dies einen platzsparenden Effekt hat und gleichzeitig auch weniger Saiten zu stimmen sind. 

 

Man hat die Saiten in der Hand

Beim Spielen des Clavichords hat man fast wie beim Geigenspielen die Saiten in der Hand. Das Spielerlebnis ist somit viel direkter als beim Cembalo oder gar beim modernen Klavier. Die Finger sollten im engsten Kontakt mit den Tasten bleiben. Durch feinsinniges Halten oder Nachdrücken der Taste kann so dem Ton ein bestimmter Ausdruck verliehen werden. 

Indem man die Taste beim Halten auf und ab bewegt, kann man sogar ein Vibrato – beim Clavichord „Bebung“ genannt – erzeugen. Auch das dynamische Spiel, also das laut oder leise Spielen, ist anders als beim Cembalo möglich.

 

Im stillen Kämmerlein oder im erlauchten Kreis

Der Klang des Clavichords ist ausgesprochen leise und zart. Es ist, so sagt man, das leiseste Instrument. Und damit passte es, auch wenn das Cembalo gerade vom um 1700 erfundenen Pianoforte abgelöst wurde, immer noch gut in Mozarts Zeit. 

Im 18. Jahrhundert befinden wir uns nämlich in einer Zeit, die nicht nur in der Musik den empfindsamen Stil pflegt. Ihr Hauptvertreter war der Bachsohn Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788), der von Mozart verehrt wurde und über den er sagte „Er ist der Vater, wir sind die Bubn.“ 

CPE Bachs Lieblingsinstrument war das Clavichord. Insbesondere sein„Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ bezog sich allein auf das Clavichord. 

Dieses Instrument galt seinerzeit als Inbegriff musikalischer Verinnerlichung. Mit seinem intimem aber zugleich farbigen und nuancenreichen Klang konnte man sich wunderbar im buchstäblich stillen Kämmerlein ganz den eigenen Empfindungen hingeben. Oder man konnte sich, gemeinsam im erlauchten Kreis des Abends stattfindender Salons, zwischen dem Vortrag von Gedichten, musikalisch zum Ausdruck gebrachten Gefühlen widmen.

Valentina Villaseñor spielt CPE Bachs Rondo in C-Dur, Allegretto (Wq. 56/1) beim Copenhagen International Clavichord Festival, 2024. Dieses Clavichord wurde einem aus Sachsen stammenden Original nachempfunden.

 

Ein Instrument wird zum Singen gebracht 

Schon seit dem Barock war das Klangideal die menschliche Stimme. Auch das Instrument sollte zum Singen gebracht werden. Dabei kam das Clavichord diesem Ideal recht nahe. 

Sein Facettenreichtum reicht von einem Bass mit fagottartigem Klang oder wie Leopold Mozart feststellte, wie Posaunenklang, zu einem Diskant, in dem man die Violinen oder eben auch die menschliche Stimme zu hören meint. Zudem konnte sein Klang wie die menschliche Stimme zum vibrieren, zum beben gebracht werden. 

Und wenn man das heutige Klavier hört, scheinen oft die einzelnen Stimmen eher zu verschwimmen. Das war ja auch das erklärte Ziel der Erbauer dieses modernen Instruments – es sollte ein Klang entstehen. Ein Klang, der kräftig genug ist um die Konzertsäle des Bürgertums ausfüllen zu können. 

Lauscht man hingegen dem Clavichord, hat man das Gefühl, auf einmal jede Stimme für sich in ihrem eigenen Facettenreichtum wahrnehmen zu können. Dies verlangt auch den Spieler:innen des Instruments etwas ganz anderes ab als beim Klavierspiel. 

Deshalb verwundert es nicht, dass Mozarts liebstes Tasteninstrument das Clavichord war. Mozart konnte also beim Komponieren mithilfe seines Clavichords die einzelnen Facetten etwa in seiner Ouvertüre zur Zauberflöte ebenso schon nachempfinden wie die Mitleid erregende Geschichte in seiner Goetheschen Gedichtvertonung „Das Veilchen“ oder das „Lacrimosa“ in seinem „Requiem“

 

Mozarts Tintenflecken

Auf seinem heimischen Clavichord, das wir auf dem schon erwähnten Album „Mozart's Clavichord“ hören können, komponierte er einige seiner bedeutenden Kompositionen. Dies bezeugt auch die überlieferte Inschrift von Mozarts Witwe Constanze Mozart (1762-1842), die sie als Witwe in seinem Clavichord zur Sicherung des Nachlasses befestigte und die noch heute in dem Instrument zu bewundern ist: 

„Auf diesem Clavier hatte mein seliger guter Mann componirt Die Zauberflöte, La Clemenza di Tito, das Requiem und eine neue Freimaurer Cantate in Zeit von 5 Monaten. Dieses kann ich bestätigen als seine Witwe Constanze, Etatsräthin von Nissen, gewesene Witwe Mozart.“

Und nicht nur diese Worte sollen beweisen, dass es sich um Mozarts geliebtes Instrument handelte, auf dem er in Wien spielte. Die auf dem noch heute zu erkennenden Tintenflecken sollen beim Komponieren auf das Instrument gekommen sein.

 

Die Wiederentdeckung des Clavichords

Und wie steht es heute um das Clavichord? Der Zeitgenosse des Clavichords, das Cembalo erlebt zweifelsohne schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine wahre Renaissance. Das Clavichord ist, nachdem es nach und nach durch das Klavier und veränderte Hör- und Musiziergewohnheiten verdrängt wurde, sicher heutzutage weitaus unbekannter geblieben als das Cembalo. 

Und dennoch, mit der Bewegung der historischen Aufführungspraxis und der Wiederentdeckung der Alten Musik im 20. Jahrhunderts gibt es mehr und mehr Menschen, die dieses feinsinnige Instrument für sich entdeckt haben. 

Es gründeten sich Vereine und Gesellschaften wie die Deutsche Clavichord Societät (DCS), die sich der Pflege und dem Wiederbekanntmachen des Instruments verschrieben haben. In Baukursen kann man sich sein eigenes Clavichord bauen. Oder man lässt es sich von eine:m Clavichordbauer:in anfertigen. Mittlerweile gibt es ganze Festivals, die sich dem Instrument widmen. Eines der spannendsten dürfte das jährlich stattfindende Copenhagen International Clavichord Festival (CICF) sein.

 

Bisherige Hörgewohnheiten werden gehörig hinterfragt

Und auch bei den Salzburger Festspielen finden mittlerweile jährlich Konzerte mit Clavichord statt. 

Alexander Gergelyfi hat sich als gelernter Cembalist und Enthusiast für historische Tasteninstrumente dem Clavichord verschrieben. Der junge Linzer tritt seit einigen Jahren wiederholt mit dem Opern- und Konzertsänger Georg Nigl unter anderem auch bei den Salzburger Festspielen im Rahmen sogenannter „Kleiner Nachtmusiken“ auf. 

Während dort dann Klavierabende und andere Konzertaufführungen mit vielen hundert Menschen ein großes Publikum erreichen, bringen die beiden im kleinen, intimen Rahmen, im Wechsel mit von einem Schauspieler gelesenen Texten, Musik von Mozart, Schubert und anderen zu Gehör. 

Da das Instrument so leise ist, muss Georg Nigl die Stücke viel leiser und behutsamer interpretieren, damit er den Klang des Instruments nicht überdeckt. 

Die Teilnehmendenzahl bei den intimen Konzerten ist auf maximal 60 bis 80 Personen begrenzt. Dabei werden die bisherigen Hörgewohnheiten des Publikum sicher gehörig hinterfragt. Alexander Gergelyfi bezeichnet die ersten Momente in seinen Konzerten deshalb auch als einen kollektiven Schock für das Publikum. Danach würden die Ohren gespitzt, sagt er im Interview mit Keys Cafe

Denn während Musiker wie J.S. Bach oder Mozart noch keine lauten Geräusche wie die eines Flugzeugs oder einer vielspurigen Autobahn kannten, sind wir heute einiges anderes gewöhnt. Damals war der leise Klang des Clavichords sicher weitaus weniger befremdlich als er es für unsere Ohren ist. 

Aber vielleicht können auch wir gerade deshalb einiges von diesem leisen, kleinen Instrument lernen, auch über uns und das, was uns zunehmend abhanden zu kommen scheint:

Wieder genauer hinzuhören, auch die leisen Töne einmal wieder durchdringen zu lassen und die feinen Nuancen und den Farbreichtum des Klangs, so wie es manchmal nur in der Natur vorzukommen scheint, wahrzunehmen.

 

Text und Abbildungen: Torben Bührer

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Literatur: Beurmann, Andreas, Klingende Kostbarkeiten, Lübeck 2000, S. 54-56. 

Ausschnitt eines Clavichords, Musikinstrumentenmuseum Berlin. Die Saiten werden von Metallstiften, sogenannten Tangenten, angeschlagen, die sich am anderen Ende des Tastenhebels befinden.

Das 2025 bei Alpha Classics erschienene Album "Mozarts Clavichord" von Alexander Gergelyfi und Georg Nigl.

©Torben Bührer. Alle Rechte vorbehalten.

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