Europäisches Hanse-Ensemble

Konzertbericht / Künstler:innen

Der Klang der Hanse - Das Europäische 
Hanse-Ensemble entdeckt den Sound alter Hansestädte

Von Torben Bührer

 

Wenn man in Bremen auf dem Marktplatz steht und den Blick durch die Gute Stube schweifen lässt – so nennen die Bremer:innen diesen Ort liebevoll –, erblickt man zunächst das über 600 Jahre alte Rathaus im Stile der sogenannten Weserrenaissance. Es beeindruckt mit seiner aufwendigen Fassade, die die reiche Geschichte und den ganzen Stolz der jahrhundertealten Hansestadt widerspiegelt. 

 

Vorbei geht dann der Blick an der 622 Jahre alten Rolandstatue sowie am Bremer Dom, der mit seinen beiden gleichen Türmen den gotischen Türmen von St. Marien in der Hansestadt Lübeck sehr ähnlich sieht. Gegenüber vom Bremer Rathaus steht der Stolz der Kaufmannschaft Bremens, der Schütting. Dieses 1537/38 errichtete und mehrfach umgestaltete Gebäude zählt ebenfalls zu den bedeutendsten Bauwerken der Weserrenaissance.

Der Wahlspruch der Bremer Kaufmannschaft prangt über dem Schütting

 

„Buten un binnen – wagen un winnen"

Im Jahr 1899 brachten die Bremer Kaufleute über dem Hauptportal des Schütting in güldenen Lettern den plattdeutschen Wahlspruch „Buten un binnen – wagen un winnen“ an. Auf Hochdeutsch würde man sagen „Draußen und drinnen – wagen und gewinnen“. 

 

Mit dem auf den langjährigen Bremer Bürgermeister Otto Gildemeister zurückgehenden Wahlspruch wurde eine wahrlich hanseatische Haltung zum Ausdruck gebracht: Den mutigen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus gerichtet, wurde der Weg über die Weltmeere und der gemeinsame Handel und Austausch mit fremden Städten und Ländern gleichzeitig mit einem Bewusstsein für die Belange der Heimatstadt begangen.

 

Zwar ging bereits mit dem letzten Hansetag 1669 in Lübeck die Geschichte dieses Handelsverbundes nach rund einem halben Jahrtausend zu Ende. Dennoch zeugt der Spruch am Bremer Schütting davon, dass auch 230 Jahre später noch eine hanseatische Haltung die Kaufmannschaft geprägt zu haben schien. 

Der Bremer Marktplatz mit dem Rathaus im Stil der Weserrenaissance und dem St. Petri-Dom.

 

Ein Bund von 300 Städten

Zu ihren Hochzeiten im 14. Jahrhundert zählt die Hanse bis zu 300 Städte. Neben der Mutter der Hanse, der Stadt Lübeck, die auf dem letzten Hansetag gemeinsam mit Bremen und Hamburg dazu berufen wird, das Erbe der Hanse zu tragen, reicht der Verbund bis zu den großen Kontoren London, Brügge, Bergen und Nowgorod außerhalb des Kerngebiets. 

 

Verbinden wir heute vor allem norddeutsche Küstenstädte entlang der Nord- und Ostsee mit der Hanse, ist man überrascht, dass auch im Landesinnern wie etwa in Sachsen oder Westfalen viele Städte dem Bund angehörten. Selbst die Doppelstadt Berlin-Cölln trat 1360 dem Hansebund offiziell als Binnen-Hansestadt bei, die Handel über Spree und Havel in Richtung Elbe und Ostsee betrieb. 1452 trat sie jedoch wieder aus. 

 

Reger Austausch von Waren – reger Austausch von Kultur

Aber die Hanse ist zu ihrer Zeit nicht nur ein Wirtschaftsbündnis. Mit dem Wohlstand der Kaufleute steigt auch das Bedürfnis, mithilfe der Musik den eigenen Status, die Unabhängigkeit und letztlich den Reichtum zum Ausdruck zu bringen. Dies zeigt sich sowohl in der Monumentalität der Sakralbauten als auch in den bedeutenden Orgelbauten. 

 

Selbst der junge J.S. Bach macht sich von Arnstadt zu Fuß nach Lübeck auf um dort bei dem Organisten Dieterich Buxtehude die hanseatische Musikpraxis näher kennenzulernen. Auch G.F. Händel reist zu Buxtehude nach Lübeck – gemeinsam mit seinem Hamburger Freund Johann Mattheson. 

 

Der Austausch mit anderen Regionen in Europa befördert nicht nur den Warenaustausch sondern beeinflusst auch die Kultur und Musik in den Hansestädten. Es entwickelt sich so ein facettenreicher nordeuropäischer Musikstil der von London über Bremen, Hamburg und Lübeck bis nach Danzig und Riga reicht.

Manfred Cordes (links) und das Europäische Hanse-Ensemble auf ihrem Halt am Berliner Lietzensee.

 

Der Facettenreichtum der Musik alter Hansestädte

Dass wir heute diesen Facettenreichtum der Musik in den alten Hansestädten nachempfinden können, haben wir Manfred Cordes, einem der angesehensten Experten für Alte Musik, zu verdanken. 

 

Im Jahr 2019 gründet Manfred Cordes das Europäische Hanse-Ensemble. Viele Jahre ist er zudem Professor für Alte Musik an der Hochschule für Künste Bremen und zeitweise auch deren Rektor. Bereits früh befasst sich Cordes mit der Musik aus dem norddeutschen Raum, etwa mit seinem Ensemble Weser-Renaissance Bremen, das er bereits 1993 ins Leben ruft. 

 

Mit dem vom Europäischen Hansemuseum in Lübeck aus koordinierten Europäischen Hanse-Ensemble legt Manfred Cordes nun vor allem den Fokus auf die Nachwuchsgewinnung. 

 

Junge Nachwuchsmusiker:innen können sich für die jährlich neu veranstalteten Projekte bewerben und erarbeiten dann in Meisterkursen gemeinsam Musikwerke aus den hansestädtischen Traditionen des 16. und 17. Jahrhunderts. Anschließend werden die Werke dann unter der Leitung von Manfred Cordes an unterschiedlichen Orten Europas aufgeführt. 

 

Das Europäische Hanse-Ensemble macht Halt in Berlin

Anfang Juni hatte ich das Vergnügen, das Europäische Hanse-Ensemble gemeinsam mit meinem fünfjährigen Sohn in Berlin zu erleben. Für ihn war es das erste richtige Konzert am Abend. Etwas ganz Besonderes also. 

 

In der wunderbaren Alte-Musik-Reihe „Titans Rising“ führten die jungen Musiker:innen gemeinsam mit Manfred Cordes das diesjährige Programm unter dem Titel „CANTICUM – Musik aus alten Hansestädten“ in der Kirche am Lietzensee im Berliner Westen auf. Berlin war dabei eine von zehn Stationen in Deutschland und Polen des diesjährigen Konzertprojekts. 

 

Musik aus dem alten Rostock, dem alten Frankfurt (Oder) und dem alten Danzig

Da die Konzerte im Rahmen von „Titans Rising“ in der Regel sonntags um 17 Uhr stattfinden, war es von der Zeit her auch noch kindgerecht. Und für Kinderohren schien die Musik ganz gut zu passen. 

 

Mein Sohn lauschte jedenfalls aufmerksam der Musik aus dem alten Rostock, dem alten Frankfurt (Oder), Danzig und Stettin. Der zum Teil meditative Charakter der Stücke und ihre Behutsamkeit im Ausdruck hatten eine beruhigende Wirkung. Im Kirchenraum herrschte gespannte Stille unter den Zuhörenden. 

 

Das Hohelied Salomonis

Das biblische „Lied der Lieder“, das Hohelied Salomonis aus dem Alten Testament, bildet für das Europäische Hanse-Ensemble bei der diesjährigen Konzertreihe den Rahmen. Eher als Fremdkörper in den biblischen Texten und dennoch aufgrund ihrer bildhaften Sprache sehr beliebt, wurden die Texte auch bei den Protestanten gerne verwendet. Nicht selten dienten sie als Textgrundlage für Hochzeitskompositionen.

 

Von besonderer Intensität waren an diesem Abend die Kompositionen des in Rostock wirkenden Komponisten Nicolaus Hasse (1605-1670). Etwa das gemeinsam von der Sopranistin Lea Bodner und dem Tenor Michel Gattwinkel vorgetragene „Ach, was mach ich in den Städten“ (Rostock, 1659) sowie das aus demselben Jahr stammende „Wie ein Hirsch zur dürren Zeit“ (Text: Heinrich Müller, Rostock, 1659) zeugten von großer Unmittelbarkeit und kontemplativem Ausdruck. Dies war ganz wesentlich auch der beeindruckenden stimmlichen Ausdruckskraft der beiden Sänger:innen zu verdanken. 

 

Der Komponist Hasse selbst war Sohn eines Lübecker Organisten. Er war zunächst Organist in Stendal bevor er dann nach Rostock – einem bedeutenden kulturellen Zentrum im 16. und 17. Jahrhundert – wechselte, um dort ab 1641 in der Marienkirche die große dreimanualige Orgel spielen zu können. 

 

Zink, Dulzian und Laute

Beim Betrachten der historischen Instrumente während des Konzerts am Lietzensee fielen meinem Sohn vor allem der wundersam gebogene Zink, auch bekannt als Cornetto, ebenso auf wie der Vorläufer des Fagott, der Dulzian. Und natürlich die „lange Gitarre“ – die Laute. Die mit Darmsaiten bezogenen Streichinstrumente brachten einen wundersam zarten Renaissanceklang hervor.

 

Und was folgt nach einem solch eindrucksvollen Konzert? Zumindest am Berliner Lietzensee der von meinem Sohn dringend eingeforderte Besuch auf dem direkt neben der Kirche gelegenen Spielplatz...

 

 

Die Konzerttournee „CANTICUM“ des Europäischen Hanse-Ensembles wird vom 4. bis 9. Juli 2026 fortgesetzt: 4. Juli: Gliwice (Polen), 5. Juli: Stary Sącz (Polen), 7. Juli: Rostock, 8. Juli: Lüneburg, 9. Juli: Leer (Ostfriesland). 

 

Das Konzert am 8. Juli in Lüneburg wird von NDR Kultur aufgezeichnet und am 8. November 2026, 21.30 Uhr gesendet und ist anschließend 30 Tage lang online aberufbar.

 

Mittlerweile sind bereits vier Alben „Musik der Hansestädte“ beim Label cpo erschienen, zuletzt am 21. Mai 2026: Vol. 4 Musik aus dem alten Hamburg. 

 

Text: Torben Bührer

Abbildungen: Torben Bührer (1), (3), (5); 

(2): Joachim Kohler-HB, - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=131665973; 

(4): Europäisches Hanse-Ensemble/Europäisches Hansemuseum Lübeck.

©Torben Bührer. Alle Rechte vorbehalten.

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