Interview Manfred Cordes

Interview / Künstler:innen

Ein Gespräch mit Manfred Cordes - 
Gründer des Europäischen Hanse-Ensembles

 

Manfred Cordes ist einer der profiliertesten Künstler und Spezialisten der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts in unserer Zeit. 

Als Initiator und künstlerischer Leiter des Europäischen Hanse-Ensembles hat er sich der Wiederentdeckung Alter Musik der Hansestädte ebenso wie der Nachwuchsförderung verschrieben. 

Manfred Cordes wirkte als Sänger, Continuospieler und Posaunist in verschiedenen Alte-Musik-Ensembles mit. Er gründete das Ensemble Weser-Renaissance Bremen und war am Aufbau der Akademie für Alte Musik Bremen beteiligt. Er war lange Jahre als Professor für  Musiktheorie an der Hochschule für Künste Bremen tätig, wo er auch Dekan und Rektor war.

Im Keys Cafe Interview erzählt er uns mehr über seine Arbeit und den gemeinsamen europäischen Kern der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts.  

 

"In dieser Zeit des politischen Auseinanderdriftens ist es mir wichtig, das Bewusstsein einer gesamteuropäischen kulturellen Vergangenheit zu wecken beziehungsweise zu bewahren."

 

Keys Cafe: Sie gründeten 2019 das Europäische Hanse-Ensemble. Was war Ihre Intention?

 

Manfred Cordes: Erstens war mir die Förderung des musikalischen Nachwuchses schon im Rahmen meiner Hochschultätigkeit ein wichtiges Anliegen. Meine in jahrzehntelanger Arbeit gewonnenen Erfahrungen möchte ich gern an junge Musiker:innen weitergeben.

Zweitens ist mir das musikalische Repertoire Nordeuropas im aktuellen Konzertbetrieb unterrepräsentiert. Italienische, französische oder englische Werke sind häufig zu hören und bestens erforscht, Bach, Händel und Zeitgenossen sowieso. Hier habe ich eine „Marktlücke“ gesehen und versuche sie in Repertoireforschung und Aufführungspraxis etwas zu füllen.

Und drittens: In dieser Zeit des politischen Auseinanderdriftens unseres schönen europäischen Kontinents ist es mir wichtig, das Bewusstsein einer gesamteuropäischen kulturellen Vergangenheit zu wecken bzw. zu bewahren.

 

Keys Cafe: Vielfach handelt es sich bei der norddeutschen Musik, die Sie aufführen, um geistliche Musik. So auch bei dem diesjährigen Programm des Europäischen Hanse-Ensembles „Canticum“. Was kann uns diese Musik in unserer säkular geprägten Zeit dennoch mitteilen?

Manfred Cordes: Die überlieferte geistliche Musik speziell des 16. und 17. Jahrhundert führt uns hinein in die Geisteswelt der Spätrenaissance und des Frühbarock und damit zu den kulturellen Wurzeln des Abendlandes.

Abgesehen von dem Genuss der faszinierenden Klänge dieser Zeit kann es sicher nicht schaden, sich bewusst zu werden, dass unsere kulturelle Entwicklung auch durch eine tiefe Frömmigkeit geprägt wurde.

 

 

Keys Cafe: Gibt es einen Unterschied im Stil zwischen den einzelnen Hänsestädtischen Musiktraditionen?

Manfred Cordes: Die (musikalische) Kultur der Hansestädte ist ja ohne den Import von Musik und Musikern kaum vorstellbar. Einflüsse aus England (Hamburg), Flandern (Danzig), Mitteldeutschland (Stralsund, Königsberg) und Italien (Krakau, Breslau) spielten eine wichtige Rolle. Die Musik ist quasi „paneuropäisch“; um und kurz nach 1600 gab es in den größeren Hansestädten – wie in anderen europäischen Kulturzenten auch – ein befruchtendes Nebeneinander von Vokalpolyphonie, Mehrchörigkeit und generalbassgeprägten Kompositionen. Von einer speziell „hanseatischen“ Musik kann man sicher nicht sprechen.

 

Keys Cafe: In Bremen gibt es eine rege Alte-Musik-Szene. Sie waren an deren Aufbau wesentlich beteiligt, sowohl mit der Gründung der Akademie für Alte Musik Bremen als auch des Ensemble Weserrenaissance. Was prägt heute diese Szene?

Manfred Cordes: Eine viel höhere Internationalität und auch Professionalität als in den Anfangsjahren. Bedingt auch durch die Präsenz hochqualitativer Musik“konserven“ (früher CD, heute Youtube, Spotify etc.) ist das Niveau unter den jungen Musiker:innen heute ein ganz anderes als vor 30 Jahren.

 

Keys Cafe: Sie sind, trotzdem Sie bereits emeritiert sind, sehr engagiert bei der Nachwuchsförderung. Was begeistert Sie an der Arbeit mit den Nachwuchsmusiker:innen? 

Manfred Cordes: Sie hält mich aktiv und jung; ich habe viel zu erzählen und gebe meine Erfahrungen gern weiter.

 

Keys Cafe: Wie sind Sie selbst zur Alten Musik gekommen?

Manfred Cordes: In Stichworten: Schulchor, Kantorei, Orgelstudium, Exkursion zu den Orgeln in Ostfriesland: historische Stimmungen, frühe Erfahrungen im Berliner Umfeld (Holger Eichhorn).

 

Keys Cafe: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Manfred Cordes: Diverse Programme mit meinem Profi-Ensemble WESER-RENAISSANCE, 2026 noch zwei Tourneen mit dem Hanse-Ensemble (Polen, Skandinavien, Niederlande).


Keys Cafe: Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Torben Bührer

 

Abbildung: Manfred Cordes/ Europäisches Hanse-Ensemble/Europäisches Hansemuseum Lübeck.

©Torben Bührer. Alle Rechte vorbehalten.

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