Tastenreise
Die Stunde, in der das Klavier geboren wurde
Mit Händel an den Hof der Medici
Hamburg im Jahr 1704. In der gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alten Oper am Gänsemarkt wird an diesem Abend eine neue Komposition von Johann Matthesson uraufgeführt. Am Cembalo sitzt niemand geringerer als der junge Georg Friedrich Händel und darf „accompagniren und dirigiren“. Der neunzehnjährige Händel ist vor einem Jahr seiner Heimatstadt Halle und dem von seinem Vater gewünschten Jurastudium entflohen und genießt die Freiheit in der liberalen Bürgerstadt.
Sein Freund Johann Matthesson, der sonst eigentlich am Cembalo sitzt, steht heute als Tenor auf der Bühne. Er singt den Marcus Antonius aus seiner eigenen Oper „Die unglückselige Cleopatra“. Einen etwas unglückseligen Verlauf nimmt dann auch der Abend für die beiden Freunde.
Nachdem er die Todesarie des Marc Anton hinter sich gebracht hat – das Publikum ist sichtlich ergriffen – eilt der gerade erst gestorbene Marc Anton alias Matthesson wieder zurück ans Cembalo um von dort aus weiter zu dirigieren. Händel ist nicht begeistert und kann sich gerade noch rechtzeitig zum nächsten Einsatz wieder an seinen angestammten Platz in der zweiten Geige retten.
Eine schallende Ohrfeige für Händel
Fast kommt es zwischen den beiden schon an diesem Abend zu einem Duell. Das passiert dann aber bei der letzten Aufführung der Oper. Diesmal weigert sich Händel, das Cembalo zu verlassen. Das Opernhaus ist in Aufruhr, der Maestro düpiert – kann er doch das fulminante Ende der Dernière nicht selbst dirigieren.
Nach einer schallenden Ohrfeige fordert Händel seinen Freund Matthesson zum Duell auf dem Gänsemarkt auf. Nur ein Knopf an Händels Rock soll den Lauf der Geschichte davor bewahrt haben, ohne Händels himmlische Klänge auskommen zu müssen. Und auch die Freundschaft der beiden hat diesen Streit letztlich heil überstanden.
Vielleicht sitzt bei diesem Spektakel auch Gian Gastone de' Medici im Publikum. Der Sohn des Großherzogs der Toscana Cosimo III. de' Medici sollte selber später der siebte und letzte Großherzog der Toscana werden. Auf Vergnügungsreise in Hamburg und seiner unglücklichen Ehe entflohen, begeistert sich der junge Adelige für die Musik am Hamburger Opernhaus.

In den Gassen von Florenz herrscht reges Treiben. Im Hintergrund der Glockenturm des Florentiner Doms, der Campanile di Giotto, fertiggestellt 1359.

Michelangelos David in der Galleria dell'Accademia
Eine Einladung an den Florentiner Hof
Als Händel dann kurz nach diesem Zwischenfall seine erste Oper „Almira“ am Gänsemarkt aufführt, ist Gian Gastone de' Medici von Händels außergewöhnlichem Spiel, seiner Komposition und möglicherweise auch von dessen von Zeitgenossen als anmutige Schönheit bezeichneter äußerlichen Erscheinung begeistert. Er lädt ihn kurzerhand ein, an den Hof nach Florenz zu kommen.
Händel lehnt zunächst ab – zumindest aber auf Kosten der Medici zu reisen. Seine eigene Freiheit ist ihm wichtig.
Nach weiteren Uraufführungen seiner Opern in Hamburg macht sich Händel 1706 dann aber doch auf eigene Kosten auf den weiten Weg in das Heimatland der Oper. Die strapaziöse mehrwöchige Reise endet zunächst in Florenz. Möglicherweise steuert er gleich als erstes den Hof der Medici an.
„Il caro Sassone“
Auch Ferdinando de' Medici, Gian Gastones acht Jahre älterer Bruder, findet Gefallen an dem, wie er von Zeitgenossen in Italien genannt wird, „caro Sassone“, dem lieben Sachsen. Ferdinando ist selbst begeisterter und angesehener Cembalist und Förderer von Musik und Kunst. Er schart viele Musiker am Hof um sich – nicht immer zum Gefallen seines Vaters Cosimo III., der das schöngeistige Spiel seiner Söhne mit Argwohn betrachtet.
Die Mutter der beiden Brüder macht sich schon davon als Ferdinando gerade einmal zwölf Jahre alt ist und führt fortan ein skandalträchtiges Leben. Durch mehrere Liebschaften mit ihren Dienern, ausgiebigem Nacktbaden und durch mißglückte pyrotechnische Abenteuer, die mutmaßlich gar in einem auf die Grundmauern niedergebrannten Konvent mündeten, gerät sie in Verruf.
Die Musik als Refugium
Während die Zeitgenossen Ferdinandos die Musik vor allem zur Untermalung ihres eigenen Herrschaftsanspruchs nutzen, widmet sich Ferdinando mit voller Leidenschaft der Musik. Sie ist sein Refugium, schützt ihn vor der strengen Hand des Vaters und tröstet ihn vielleicht auch über den Verlust seiner Mutter hinweg. Die Liebe zu Frauen bleibt ebenfalls unglücklich und die zu Männern aufgrund der Konventionen der Zeit wohl eher auch.
Vor allem Ferdinandos Sammlung von Musikinstrumenten bedeutet ihm viel. Insbesondere die Tasteninstrumente haben es ihm angetan. Von den insgesamt 121 Instrumenten besitzt er allein 36 Saitentasteninstrumente.
Zur Pflege dieser Sammlung holt sich Ferdinando im Jahr 1688 den Instrumentenbauer Bartolomeo Cristofori aus Padua nach Florenz. Fortan gehört er zu Ferdinandos „Virtuosi da Camera“, einer Gruppe ausgewählter Komponisten und Musiker. Vielleicht ist Cristofori ursprünglich selber Musiker, bevor er Instrumentenbauer wird. Auch er wird wie Händel und andere Musiker, darunter auch Alessandro Scarlatti, von Ferdinando gefördert.
Er lässt ihm neben seinen Pflichten, die Instrumente des Erbprinzen zu verwalten, zu reparieren, zu stimmen und zu restaurieren, genug Freiraum, neuartige Instrumente zu entwickeln. Erst dieses Vertrauensverhältnis zwischen Ferdinando und Cristofori ermöglicht das, was für den Gang der Musikgeschichte nicht unerheblich sein sollte. Es ist die Geburtsstunde dessen was wir heute als Klavier bezeichnen.

Ferdinando de' Medici, unschwer zu erkennen in grünem Brokat im Kreis seiner Musiker. Er unterhält sich mit dem Sänger Olivicciani zu seiner Linken. Zu seiner Rechten später einmontiert entweder Georg Friedrich Händel oder Alessandro Scarlatti. Ausschnitt aus einem Gemälde von Gabbiani von 1685 (?).
„Cembalo mit leise und laut“
Cristofori entwickelt um das Jahr 1700 erstmals eine Hammertechnik zur Klangerzeugung, die die Mechanik des Cembalos ablösen soll. Bei letzterer werden die Saiten noch von Federkielen angerissen. Ein betontes Laut-und-leise-Spiel ist beim Cembalo kaum möglich. Affekte werden vielmehr durch Agogik, also das Variieren des Tempos, und Artikulation erzeugt.
Bei Cristoforis erstem Pianoforte ist hingegen nun auch Dynamik möglich, also der Ausdruck durch abwechselndes laut und leise spielen. Daher nennt Cristofori sein Instrument auch kurzerhand „Gravecembalo col piano e forte“, was soviel heißt wie „Cembalo mit leise und laut“.
Für Cristofori und seine Zeitgenossen wird also das auf eine jahrhundertelange Erfolgsgeschichte zurückblickende Cembalo mit dieser Erfindung nicht einfach von heute auf morgen durch etwas völlig Neuartiges abgelöst.
Vielmehr betrachtet man das neuartige Instrument als ein weiterentwickeltes Cembalo. Das ist auch insofern nicht ganz falsch, beruht es doch im Grunde auf denselben Konstruktionsprinzipien wie das Cembalo. Und auch von seiner äußeren Erscheinung her sieht das Pianoforte anfangs auch noch genau so aus wie ein Cembalo.
Dongsok Shin spielt auf dem ältesten bekannten erhaltenen Cristofori-Pianoforte von 1720 Domenico Scarlatti, Sonate d-Moll (K. 9), The Metropolitan Museum of Art, New York.
Die Begeisterung hält sich in Grenzen
Zunächst hält sich die Begeisterung für das neue Instrument aber ohnehin in Grenzen. Der Klang ist ungewohnt. Und mancher, wie etwa J.S. Bach, der ein solches Instrument am Hof Friedrich II. ausprobieren kann, selber aber nie eins besitzen wird, schätzt das neuartige Instrument aufgrund seiner Schwergängigkeit nicht sonderlich.
Hat Händel bereits so früh die Gelegenheit, das Pianoforte, wie es fortan verkürzt genannt wird, zu spielen?
Sehr wahrscheinlich ist zunächst, dass sich Händel und Cristofori in Florenz begegnen. Zwar gibt es dafür keine direkten Belege. Sie sind jedoch zeitgleich am Florentiner Hof tätig. Unter dem Patronat des Erbprinzen erfolgt dann auch Händels erste Aufführung einer Oper für Italien. „Rodrigo“ wird 1707 in Florenz uraufgeführt. 1709 verlässt Händel dann Florenz in Richtung Venedig mitsamt einem Empfehlungsschreiben Ferdinandos, das seine Karriere positiv beeinflussen sollte.
Im Jahr 1711 hat Cristofori bereits drei Pianoforti gebaut. Eines bekommt Kardinal Ottoboni aus Rom geschenkt. Die beiden anderen werden in Florenz verkauft. Kardinal Ottoboni ist unterdes einer der Förderer Händels in Rom. Man kann also davon ausgehen, dass Händel eines dieser neuen Instrumente bei Aufenthalten in Florenz und Rom sehen oder ausprobieren kann. Später in London soll Händel, so berichtet man, „hervorragend“ auf dem Pianoforte gespielt haben.

In der Sammlung der Galleria dell'Accademia findet sich auch das erste upright piano, also schon die Fortentwicklung von Cristoforis Idee hin zu einer platzsparenden Variante für den heimischen Gebrauch. Domenico del Mela, Gagliano 1739. Links daneben ein englisches Cembalo, London 1785.
Michelangelos David und die Musikinstrumente Ferdinandos
Florenz ist heute eine andere Stadt als damals. Als Reisender bahnt man sich seinen Weg in den Gassen der Altstadt durch die Touristenmassen. Man kann den Zauber der Renaissance natürlich noch an vielen Orten erahnen und bewundern. Und auch vom Erbe Ferdinandos ist noch etwas zu entdecken. Allerdings etwas versteckter als die bekannten Sehenswürdigkeiten.
Nur wenige Meter entfernt von einer der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt, Michelangelos David im Original, in der Galleria dell'Accademia, findet sich in einem Nebentrakt die Musikinstrumentensammlung Ferdinando de' Medicis – genauer gesagt, das was heute noch davon übrig geblieben ist. Rund 50 Instrumente sind dort zu bewundern. Und neben Geigen von Stradivari, einem Cello von Amati und anderem, finden sich auch noch einige Tasteninstrumente.
Ein Pianoforte Cristoforis findet sich in der Sammlung allerdings nicht mehr. Von Cristoforis Hammerflügeln existieren heute nur noch drei Exemplare: eins in Rom, eins in New York und eines im Grassi-Museum in Leipzig. Keines dieser drei Instrumente ist allerdings zur Zeit Ferdinandos entstanden. Aber dennoch lohnt sich der Besuch, denn eine besondere Rarität kann man hier bewundern, nämlich das älteste erhaltene Instrument aus Cristoforis Werkstatt: ein Ovalspinett von 1690.
Mut zu neuen Wegen – das Ovalspinett von 1690
Das Ovalspinett ist das älteste von den insgesamt sieben von Cristofori datierten und signierten, noch erhaltenen Instrumenten und zeigt einmal mehr Cristoforis Experimentierfreudigkeit und seinen Mut, neue Wege zu gehen.
Das Instrument mit der besonderen Bauart in ovaler Form war das erste Instrument, das Cristofori für den Hof der Medici baute. Es ist ein besonders feines und kunstfertiges Instrument mit seinen äußerst dünnen Außenseiten und den beiderseitigen gotischen Formen.
Die Mechanik des Instruments ist aufgrund der Anordnung der Saiten parallel zur Tastatur recht komplex. Anders als bei den üblichen Spinettkonstruktionen befinden sich die langen Bassseiten in der Mitte. Durch diese Anordnung ist allerdings die auf den Resonanzboden wirkende Spannung durch die Saiten recht ausgewogen.
Eine weitere Besonderheit ist die Möglichkeit, zwei Saiten gleichzeitig mit derselben Stimmung anreißen zu können um einen lauteren Klang zu erzeugen. Diese zwei mal 8'-Registrierung ist für Instrumente dieser Größe eigentlich unüblich und eher bei Cembali zu finden gewesen.

Das nach drei Jahrhunderten wiederentdeckte Ovalspinett. Bartolomeo Cristoforis erstes Instrument für die Medici ist in seinem Urzustand erhalten geblieben und daher sehr wertvoll für die Forschung.
Ein sensationeller Fund
Das kleine Instrument aus Rosenholz und Zypresse samt Elfenbeintasten galt 300 Jahre als verschollen. Als es dann im Jahr 2000 in einem Palazzo des Florentiner Sammlers Stefano Bardini zusammen mit anderen Tasteninstrumenten entdeckt wird, handelt es sich um eine Sensation.
Ein ähnliches Instrument gibt es nur noch in der Sammlung der Universität Leipzig. Während das dort noch heute zu bewundernde Instrument von 1693 in weitaus besserem Zustand ist, wurde das Florentiner Spinett nie restauriert. Damit bietet es eine wertvolle Ressource an Informationen über die Bauweise Cristoforis.
Eine weitere Besonderheit der Sammlung in der Galleria dell'Accademia ist ein unsigniertes, aber Cristofori zugeschriebenes Cembalo, das komplett aus Ebenholz und Zypresse gefertigt wurde. Es ist vor 1700 entstanden und damit aus der frühen Schaffensphase Cristoforis am Florentiner Hof. Nicht auszuschließen ist, dass sogar Händel oder auch Alessandro Scarlatti auf diesem Instrument gespielt haben.

Cristoforis Cembalo aus Ebenholz, einem raren, wertvollen und schwer zu verarbeitenden Holz. Es befand sich im Besitz Ferdinando de' Medicis. Florenz, vor 1700.
Ein Instrument, das die Welt der Musik verändern sollte
Erbprinz Ferdinando wird selber nie Großherzog der Toskana. Er stirbt 1773 im Alter von fünfzig Jahren. Sein Vater überlebt ihn. Ferdinandos Bruder Gian Gastone wird nach dessen Tod 1723 sein Nachfolger im Palazzo Pitti. Gian Gastone bleibt kinderlos, sodass mit seinem Tod 1737 die Herrschaft der Medici endet.
Händel befindet sich da schon lange nicht mehr in Italien. Er wird in Ferdinandos Todesjahr zum königlichen Hofkomponisten in London ernannt. Dort bleibt er bis zum Ende seines Lebens. Italien hat er bereits 1710 mit einer zweijährigen Zwischenstation in Hannover in Richtung England verlassen.
Nach Ferdinandos Tod lässt das rege musikalische und kulturelle Leben am Florentiner Hof allmählich nach. Cristofori, der Erfinder des Klaviers, weilt dennoch bis zu seinem Tod 1731 in Florenz und steht weiterhin in den Diensten der Medici. Ab 1716 wird er Konservator von Ferdinandos besonderer Sammlung.
Gleichzeitig und trotz der Skepsis gegenüber seiner Erfindung, gibt er seinen Traum von einem Cembalo mit Hammermechanik nicht auf, arbeitet weiterhin an seinen Pianoforti und entwickelt sie weiter. Es ist der Beginn eines neuartigen Instruments, das die Welt der Tasteninstrumente und der Musik für immer verändern sollte.
Text und Abbildungen: Torben Bührer
Dieser Text entstammt dem Keys Cafe Newsletter #8 - April 2026.

Der Neptunbrunnen auf der Piazza della Signoria in Florenz
