
Solo per il Cembalo
- oder wie eine alte Liebe endet und eine neue beginnt
Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte
"Solo per il cembalo" - so lautet der Titel eines mittlerweile dem Bachsohn Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) zugeschriebenen Stücks. Auf Deutsch bedeutet der Titel so viel wie "Nur für das Cembalo". Wir finden dieses schöne kleine Werk in J. S. Bachs (1685-1750) berühmtem "Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach", jener Sammlung von Stücken, die der berühmteste Vertreter der Familie Bach für seine zweite Ehefrau, der Sängerin Anna Magdalena zusammenstellte. Nahezu jede:r Klavierschüler:in dürfte heutzutage einmal mit einem oder mehreren Stücken dieser Sammlung in Berührung gekommen sein. Stücke, die auch auf dem modernen Klavier schön klingen. Aber da nun das Klavier, so wie wir es heute kennen, erst im 19. Jahrhundert entstanden ist, hatten J. S. Bach und seine Söhne beim Komponieren etwas ganz anderes im Ohr.
Das Cembalo wird zum wichtigen Soloinstrument
Mit dem für dieses Stück gewählten Titel sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass es allein für das Cembalo geschrieben wurde. Und eben nicht etwa für das "Clavier". So nannte man damals häufig auch das Clavichord, einem eher für den intimen Hausgebrauch gemachten Tasteninstrument. Beim Clavichord werden die Saiten nicht wie beim Cembalo von Federkielen angezupft sondern vielmehr mit Metallstiften, sogenannten Tangenten, angeschlagen. Eigentlich schon recht ähnlich wie beim Klavier, wo die Saiten wiederum mit Hämmerchen angeschlagen werden. Und dennoch handelte es sich um ein sehr leises, intimes Instrument für den heimischen Bereich oder auch für Reisen und zum Üben zwischendurch.
Nachdem das Cembalo zunächst häufig der Begleitung eines Ensembles diente, war es mittlerweile zu einem wichtigen Soloinstrument geworden. Zu Bachs Zeiten befand es sich in seiner Hochphase und war damals in ganz Europa in seinen unterschiedlichen Ausgestaltungen verbreitet. Erst mit der Entwicklung der ersten sogenannten Hammerklaviere um 1750 herum wird das Cembalo dann nach und nach verdrängt. Dies geschah allerdings nicht von heute auf morgen. So komponierten etwa Bachs Söhne ebenso wie Mozart und Haydn noch für das Cembalo. Und auch Beethoven und Schubert waren mit dem Cembalo noch wohlvertraut.
Das Bürgertum gibt den Ton an
Als dann im 19. Jahrhundert das Bürgertum den Ton angab, schien das Cembalo als Symbol der aristokratischen Gesellschaft nicht mehr in die Zeit zu passen. Nun schmückte das Fortepiano die Salons des gehobenen Bürgertums. Erst dann war auch die Entwicklung des mit Hämmern die Saiten anschlagenden Hammerklaviers so weit fortgeschritten, dass ein ebenso virtuoses und raffiniertes Spiel technisch möglich war wie auf dem Cembalo.
Sicherlich passte das Klavier aber am allerbesten in den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts. Es ermöglichte, anders als das Cembalo, dynamisch zu spielen, also laut und leise - eben forte und piano. Genau dies gab dann dem Instrument auch den entsprechenden Namen: "Fortepiano", oft auch Hammerklavier oder Hammerflügel genannt. Ganz passend zu seiner Zeit, in der man sich gerne den jeweiligen Gefühlsregungen hingab, dem Schicksal von Goethes "Werther" nachhing oder "Yorricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien" von Laurence Sterne nachempfand.
Auf einmal schien der so strahlend klare und aristokratische Klang des Cembalos mit seiner geringeren Möglichkeit zur dynamischen Ausdrucksweise wie aus der Zeit gefallen. Mehr noch, in Frankreich flogen buchstäblich mit dem Ende des Ancien Régime die opulent ausgestatteten Cembali mit ihren goldenen Verzierungen und wertvollen Malereien als Symbole der untergegangenen Adelsherrschaft aus den Palästen.
Nun also wollte man Instrumente mit einem intimeren Klang. Man unterbot sich geradezu mit noch leiser klingenden Instrumenten, die auch beim abendlichen Spiel im Salon oder zurückgezogen alleine in der heimischen Kammer zu größtmöglichem persönlichen Ausdruck verhalfen.
Wie aber kam dann das Cembalo wieder zu uns zurück? Wie wurde diese auf einmal erloschene alte Liebe wieder neu entfacht?
Zum Glück wurden nicht alle Instrumente damals zerstört. Allerdings spielte das Schicksal gerade den Cembali in Frankreich übel mit, sodass nur noch sehr wenige französische Originalinstrumente in unsere Zeit hinübergerettet werden konnten. Man sagt, diese wunderbaren Instrumente sollen um 1800 sogar aufgrund ihres trockenen und dichten Holzes ganz wunderbar dem Heizen im Pariser Konservatorium gedient haben. Dem Konservatorium in dem dann das Cembalo später wieder eine Renaissance erleben sollte.
Die Suche nach dem originalen Klang beginnt
Das als ältestes erhaltenes französisches geltende Cembalo stammt aus dem Jahre 1630. Da es sich bei dem Cembalo um ein wahrlich gemeinsames europäisches Kulturgut handelt, das über den ganzen Kontinent verbreitet war, gibt es neben französischen etwa auch italienische, flämische, deutsche und englische Exemplare die bis in unsere Zeit überdauert haben. Sie befinden sich häufig in Museen oder privaten Sammlungen. Manche von ihnen sind noch spielbar und nicht selten dienen sie als Vorbilder für moderne Nachbauten nach historischem Vorbild.
So hat sich eine wahre Archäologie entwickelt. Deren Jünger sind bis heute immer auf der Suche nach dem originalen Klang und versuchen diesen durch Nachbauten zu konservieren. Das ist nicht immer einfach - entsteht doch der ganz eigene Klang eines jeden Instruments durch spezielle Zutaten wie etwa die Wahl des richtigen Holzes für Resonanzboden und Korpus, die richtige Besaitung oder auch die richtige Bekielung, also der Stücke, die die Saite anzupfen.
Die "Wiederentdeckung" Bachs
J. S. Bachs Musik hingegen geriet nie so richtig in Vergessenheit. Aber solch großer Beliebtheit wie sie sich heute wieder erfreut, war sie in all den Jahren seit seinem Tod im Jahr 1750 nicht immer ausgesetzt. Die Renaissance der Musik des großen Meisters setzte erst so richtig mit deren Wiederentdeckung knapp 74 Jahre nach Bachs Tod durch Felix Mendelssohn-Bartholdy und der von ihm initiierten ersten Wiederaufführung der Matthäus-Passion im Jahr 1824 in Berlin ein. Ab diesem Zeitpunkt wurde Bach wieder zunehmend beliebter ebenso wie die Barockmusik.
Die "Wiederentdeckung" des Originals
Das Cembalo als das Instrument, das aus der Zeit des Barock nicht hinwegzudenken ist, brauchte etwas länger. Und vielleicht wäre es auch nie so weit gekommen, wenn nicht Bach "wiederentdeckt" worden wäre. Schließlich sind nicht wenige Cembalist:innen immer wieder von dem Wunsch beseelt gewesen, dem Klang, den einst Bach im Ohr hatte, näher zu kommen.
Auf der Pariser Weltausstellung 1889 war es dann so weit. Nicht nur der Eiffelturm wurde der Welt gezeigt sondern auch die ersten sogenannten Revival-Instrumente tauchten auf. Die französischen Klavierbauer Érardund Pleyel präsentierten Kopien von Cembali aus dem 17. Jahrhundert. Die wirkliche Wiedergeburt des Cembalo verdanken wir aber wohl vor allem der begnadeten polnisch-französischen Pianistin Wanda Landowska. Die Firma Pleyel konstruierte eigens für sie 1912 einen Cembalonachbau auf dem sie das Publikum begeisterte.
Das Klavier als Inspirationsquelle
Diese Instrumente, so wie viele weitere danach, waren vor allem von dem damals sich immer weiter entwickelnden Klavierbau inspiriert. So waren etwa die Rahmen und andere Elemente nicht aus Holz sondern aus Metall, die Saiten waren größerer Spannung ausgesetzt als es bei den historischen Cembali der Fall war. Auch wurden keine Gänsefederkiele verwendet sondern Lederplektren zum Anreißen der Saiten. Anders als die ursprünglichen Cembali verfügten die Nachbauten nun häufig über Pedale wie das Klavier.
Auch in anderen Ländern wie England oder Deutschland wurden Cembali nun wieder gebaut. Als sich dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Barockmusik wieder zunehmend großer Beliebtheit erfreute, wuchs auch das Interesse an neu gebauten Cembali. Auch der Markt für Instrumente, nicht nur für professionelle Musiker sondern auch für das heimische Musikvergnügen des Laien, wuchs nun. Firmen wie Sperrhake, Neupert, Wittmayer, Lindholm oder Ammer produzierten Cembali und Spinette in größerer Stückzahl und unterschiedlicher Ausführung. Diese Instrumente glichen mal mehr und häufig weniger den alten Vorbildern.
Solo per l'originale
Mit Musikern wie Gustav Leonhardt, Nikolaus Hanoncourt oder Ton Koopman wurde im Rahmen der sogenannten Historischen Aufführungspraxis auch das Cembalospiel auf Nachbauten historischer Vorbilder immer beliebter. Und manchmal mutet der dieser Praxis zugrunde liegende Wunsch, dem historischen Vorbild eines Instruments und seinem Klang sowie seiner historischen Spielweise besonders nahe zu kommen, gar etwas verbissen an.
Heute sind Konzerte oder Aufnahmen mit restaurierten oder nachgebauten Originalinstrumenten der Regelfall. Und dennoch bietet sich für die interessierten Laien, für die ein Originalinstrument nicht erschwinglich sein dürfte und von Instrumentenbauern in Einzelstücken angefertigte Nachbauten oft auch zu teuer sind, die Möglichkeit, diese Revivalinstrumente günstig zu erwerben um so zumindest ein Gefühl für das Cembalo zu bekommen.
Ein Instrument eigener Art - und mit Zukunft
Was macht also den besonderen Reiz des Cembalos aus? Wie konnte es sein, dass, nachdem das Klavier das Cembalo abgelöst zu haben schien, es dann spätestens ab dem 20. Jahrhundert seine Wiedergeburt erlebte?
Schon in Paris merkten die Menschen, dass es sich beim Cembalo mitnichten um ein unterentwickeltes Klavier handelte. Im Gegenteil, das Cembalo ist ein Instrument eigener Art und nicht vergleichbar mit Klavier. Und uns kann es auch heute noch als Schlüssel dienen, mit dessen Hilfe sich die Tür zu einer anderen Klang- und Vorstellungswelt, der Welt des Barocks und der Renaissance öffnen lässt.
Für die Zukunft dieses grandiosen Instruments dürfte entscheidend sein, dass nachfolgende Generationen immer wieder den Reiz des Cembalos erfahren dürfen. Dass das gelingen kann, beweist uns heute eine neue Generation junger Cembalist:innen ganz wunderbar. Künstler:innen wie Jean Rondeau, Francesco Corti oder Catalina Vicens und andere zeigen uns, dass dieses Instrument nicht in verstaubte Konzertsäle gehört, sondern auf unkonventionelle Weise neu entdeckt werden kann.
Hörtipps: Unter folgendem Link spielt Jean Rondeau "Les Sauvages" von Jean-Philippe Rameau (1683-1764): https://www.youtube.com/watch?v=KQiBIb_klT8
Unter folgendem Link gibt die Kuratorin der Bologneser Collezione Tagliavini Catalina Vicens einen schönen Einblick in die Sammlung von San Colombano: https://www.youtube.com/watch?v=6SbmN4V0XCY&list=RD6SbmN4V0XCY&start_radio=1
Dieser Text entstammt der Oktober-Ausgabe des Keys Cafe Newsletters.

Cembalo von Hans Ruckers, Antwerpen 1594.

Querhammerflügel, Deutschland ca. 1775

Spinett, DDR 1972, in nicht-historischer Bauweise.
