Mysteriöse Barrikaden

François Couperin und die Musik am Hof von Versailles 

Als jemand, der sich für das Cembalo begeistert, stößt man schnell auf die Musik François Couperins. Er war Zeitgenosse Bachs und wirkte lange am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Versailles

Was macht seine Musik so zeitlos und besonders? Und was hat es mit den geheimnisvollen Barrikaden auf sich, über die Couperin ein Stück komponierte?

Der Komponist Francois Couperin auf einer zeitgenössischen Darstellung


Es ist Sonntagnachmittag in Versailles. Ludwig der XIV. von Frankreich, und seine zweite Frau, Madame de Maintenon, lassen aufspielen. Natürlich nur für ausgewählte Mitglieder ihres Hofstaats. Die Musik dient dem Zeitvertreib, vor allem aber der Repräsentation, der Darstellung der Machtvollkommenheit des Sonnenkönigs. Alles unterliegt einem strengen Hofzeremoniell. Und doch ertönen hier immer wieder die zartesten Klänge. 

Klänge, die uns auch heute noch berühren und einen regelrecht zeitlosen Charakter zu haben scheinen. Das ist vor allem dem Hoforganisten und Hofcembalisten François Couperin zu verdanken. Er prägte lange Jahre neben anderen Größen wie Jean-Baptiste Lully, Marc-Antoine Charpentier und Jean-Philippe Rameau das musikalische Leben am Versailler Hof. 

Die sonntäglich aufgeführten, unterschiedlich besetzten Instrumentalwerke Couperins fanden in den Privatgemächern Ludwig XIV. statt. Diese „Concerts Royaux pour la Chambre du Roy“ gelten heute als die Geburtsstunde der Kammermusik. 

 

Couperin „le grand“

Seine Berühmtheit brachte Couperin den Beinamen „le grand“ ein. Diesen Namen erhielt er aber auch, um ihn von seinen Verwandten zu unterscheiden. Denn ebenso wie sein deutscher Zeitgenosse Johann Sebastian Bach entstammte auch Couperin einer Musikerdynastie. So handelte es sich bei dem bereits sieben Jahre vor François Couperins Geburt verstorbenen Komponisten, Organisten und Cembalisten Louis Couperin um seinen Onkel. 

1668 in Paris geboren, trat er schon im Alter von gerade einmal 18 Jahren die Nachfolge seines Vaters als Organist an der Pariser Kirche St-Gervais an. Diese Stelle sollte er zeitlebens innehalten.

Couperin erhielt 1690 das königliche Privileg zum Drucken und Verbreiten von eigenen Kompositionen. Drei Jahre später dann war er einer der vier Organisten am Hofe von Versailles. Von da an prägte er über drei Jahrzehnte das Musikleben am Hof Ludwig XIV. und nach dessen Tod 1715 am Hof Ludwig XV. mit. Er gehörte zum engsten musikalischen Zirkel des Sonnenkönigs und war zugleich der Musiklehrer der Prinzen und Prinzessinnen.

Der Cembalist Jean Rondeau und der Lautenist Thomas Dunford spielen in kongenialer Weise Couperins "Les Barricades Mystérieuses" in einer Fassung für Cembalo und Theorbe. 

 

Bilder, Eindrücke und Empfindungen

Was aber macht die Musik Couperins so besonders? Vielleicht ist es ihr fast zeitlos anmutender Stil. Und wenn man sich die Stücke heute anhört oder sie spielt, kann man sich schnell berühren lassen von ihrem Klang. Zumindest war das auch das erklärte Ziel Couperins, das er mit seiner Musik erreichen wollte.

François Couperin wollte mit seinen Cembalowerken Bilder, Eindrücke und Empfindungen bei seinen Hörer:innen hervorrufen. Ganz so, wie es die bildenden Künste und die Literatur bereits zu seiner Zeit vermochten. Zu jener Zeit, zu der sich mehr und mehr der galante Stil durchsetzte.

Nun ging es darum, die bisher eher strenge, kontrapunktisch geprägte Formensprache des Barock aufzubrechen. Die französische Musik öffnete sich mehr und mehr anderen Einflüssen. Insbesondere der oft leichtere Stil italienischer Kompositionen diente nun auch in Frankreich und andernorts als Inspirationsquelle.

 

Nichts anderes als die Seele berühren

Die Leidenschaft der Hörer:innen sollte geweckt werden. Neben der Zerstreuung ging es um nichts Geringeres, als mithilfe der Musik die Seele zu berühren.

Für Couperin war das Cembalo das Instrument, das diese Affekte am Besten hervorrufen konnte. Und beim Cembalo handelte es sich zugleich um das Lieblingsinstrument Ludwigs XIV., das er bei den sonntäglichen Konzerten nicht selten selbst spielte.

Für ein Instrument dieser Art dürfte Francois Couperin seine Werke komponiert haben. Es handelt sich um ein Cembalo von Ioannes Couchet (1615-1655), Anvers, Belgien (1652), entsprechend dem damaligen Geschmack 1701 in Paris umgearbeitet. Dieses rare Stück aus der Epoche Ludwig XIV. findet sich heute im Pariser Musée de la Musique.


In seinem berühmten vierbändigen Werk „Pièces de clavecin“ veröffentlichte Couperin 240 Stücke in 27 Ordres (Suiten) für Cembalo und Orgel. Dabei gab er seinen Stücken jeweils recht eindeutige Titel, die das Programm des Stückes klar erkennen ließen. Titel wie „Le Rossignol en Amour“ (Die verliebte Nachtigall), „Le Moucheron“ (Die Fliege) oder „La Frénésie ou le Désespoir“ (Die Raserei oder die Verzweiflung) gaben da wenig Rätsel über ihre Bedeutung auf.

 

Ein geheimnisvoller Titel, ein geheimnisvoller Klang

Etwas anders war es da mit seinem im Jahr 1717 in seinem zweiten Cembalobuch ("Second livre de pièces de clavecin") in der 6ème ordre veröffentlichten Stück „Les Barricades mystérieuses“. Bis heute wird darüber spekuliert, was sich hinter diesem mysteriösen Titel verbirgt. Übersetzt ins Deutsche bedeutet der Titel in etwa „Die geheimnisvollen Barrikaden“. Was aber soll das bedeuten? Allein schon der Klang des Stückes selbst mutet geheimnisvoll an. Was wollte Couperin mit diesem Stück zum Ausdruck bringen?

Sicher gehört das Stück heute zu den bekanntesten und beliebtesten Stücken für das Cembalo. Aber auch auf dem modernen Klavier und anderen Instrumenten wie der Gitarre wird dieses Meisterwerk gerne gespielt. Mit seinen arpeggierten, also gebrochenen Akkorden hat das Stück etwas Wellenartiges, Verträumtes, ja, geradezu Kontemplatives. Der A-Teil wird nach jedem der drei weiteren Teile wiederholt. Insgesamt ertönt der Anfangsteil des Stücks damit ganze fünf Mal, was den meditativen Charakter des Stückes noch einmal betont.

 

Hinsehnen nach einer besseren Welt“

Das stets an der Grenze zwischen Bass und Diskant hin und her wechselnde Stück in Form eines Rondeaus ist in B-Dur komponiert. Einer Tonart, die der Hamburger Komponist Johann Mattheson 1713 in seiner berühmten Charakterisierung der 24 Tonarten, als sehr unterhaltsam („divertissant“), prächtig und zugleich bescheiden („modest“) bezeichnete.

Der Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart umschrieb 1806 die Stimmung der Tonart B-Dur als „Hinsehnen nach einer besseren Welt“. Und vielleicht treffen gerade diese Beschreibung Metthesons und Schubarts die Stimmung von „Les Barricades“ ganz gut. Denn trotz seines eher leichten, schwebenden und lautenhaften Charakters, ganz in der Art des Style brisé seiner Zeit, scheint dem Stück wiederum eine melancholische Sehnsucht anzuhängen. Einer Sehnsucht, die sich zugleich der Vergänglichkeit allen Lebens ebenso bewusst ist wie der Schönheit. Es ist also ein Schwanken zwischen Majestätik und zarter Anmut.

In einer wunderbaren Fassung für Gitarre spielt der Gitarrist Raphael Feuillâtre "Les Barricades Mystérieuses" und lässt den kontemplativen Charakter des Stücks hervorscheinen.


Ein subtil sinnlicher Duft über den Barricades Mystérieuses

Nicht nur Johann Wolfgang von Goethe war ein großer Bewunderer Couperins. Auch der Komponist Claude Debussy war von Couperins Musik geradezu begeistert. Er bezeichnete Couperin als den „poetischsten“ der französischen Cembalisten, der großen Einfluss auf sein eigenes Schaffen hatte. Besondere Bedeutung maß er den „Barricades Mystérieuses“ bei: 

Wir sollten uns das Beispiel der Cembalomusik Couperins vor Augen halten: sie sind wunderbare Modelle von längst vergangener Anmut und Unschuld. Nichts könnte uns je den subtil sinnlichen Duft vergessen lassen, so zart pervers, der so unschuldig über den Barricades Mystérieuses schwebt.“1

Und was sind nun also diese geheimnisvollen Barrikaden in Couperins Stück, von denen sich nicht nur Debussy einst hinreißen ließ? 

Der Cembalist Scott Ross verglich das Stück Ende der 1980er Jahre mit einem fahrenden Zug. Sicher konnte das nicht das sein, was Couperin vermitteln wollte. Aber dennoch wirkt das Bild nicht verkehrt, wonach hier etwas Schweres, Dahingleitendes Fahrt aufnimmt und von Zeit zu Zeit auf geheimnisvolle Weise wieder gestoppt wird. Im musikalischen Sinne gesprochen, der dynamische Aufbau eines Klanges und dessen anschließender Entspannung.2

 

Masken, Schleier und Wimpern

Die musikalische Komplexität des Stücks mit seinem Reichtum an Harmonien wird durch die wiederum klare Struktur und ihren repetitiven Charakter zugleich verschleiert. Die Musik schwebt wie ein Vorhang davor und legt doch manchmal den Blick auf das vermeintlich Unsichtbare frei. 

So gibt es Deutungen, wonach das Stück die verschleierten Lebensweisen des französischen Adels charakterisieren soll. Oder wonach Couperin Masken, Schleier oder gar Wimpern damit symbolisieren wollte, die den Blick auf das Dahinterliegende verwehren sollen.

Und auch wenn das Geheimnis um Couperins geheimnisvolle Barrikaden vielleicht nie gelöst werden wird, erhöht gerade das den Reiz dieses Stückes umso mehr. Denn wenngleich wir nicht wissen, was diese Barrikaden sind, so können wir beim Hören oder Spielen dieses kleinen Meisterwerks so einiges von dem uns verborgen Bleibenden erahnen.


Nachweise:

1 Übersetzung von Richard Langham Smith, in: Lesure F; Smith RL, eds. (1977). Debussy on Music: The Critical Writings of the Great French Composer Claude Debussy. A. A. Knopf. S. 275.

2 Evnine, Simon J., "The Mysterious Barricades: The Piece and its Title"Archived from the original on 7 March 2021. (zit. nach Wikipedia)
 

Text und Abbildungen: Torben Bührer

Dieser Text entstammt dem Keys Cafe Newsletter #5 vom Januar 2026.

©Torben Bührer. Alle Rechte vorbehalten.

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