Musik und die Suche nach den richtigen Worten
Über einen Abend in Spandau beim Festival SPAM - Spandau macht Alte Musik und ein musikalisches Opfer
„I bought a ticket to the world – But now I've come back again – Why do I find it hard to write the next line? – Oh I want the truth to be said“
Mit diesem Refrain aus ihrem Song „True“ landete die britische Band Spandau Ballet im Jahr 1983 einen wahren Welthit. Gitarrist und Songschreiber Gary Kemp thematisiert in dem Song, wie schwer es ist, wahre Gefühle in Worte zu fassen. Dabei möchte er eigentlich ein ehrliches, ein wahres Liebeslied schreiben ohne dabei in Klischees zu verfallen.
Wieso trug Spandau Ballet eigentlich diesen merkwürdigen Namen? Erzählungen nach gab sich die Band aus dem Londoner Stadtbezirk Islington ihren Namen weil er eher düster und europäisch klang. Schließlich erlangte der Berliner Bezirk Spandau nicht zuletzt internationale Bekanntheit durch das dort befindliche Kriegsverbrechergefängnis, das dann nach dem Tod des Kriegsverbrechers Rudolf Heß 1987 abgerissen wurde.
Eine Reise wert
Spandau Ballet gab zwar wiederholt Konzerte in Berlin, besuchte den am westlichsten Rand gelegenen Berliner Bezirk aber nie. Dabei lohnt sich die Reise durchaus. Vor allem wenn man sich für Alte Musik begeistert.
Deshalb machte ich mich am letzten Februartag mit der S-Bahn auf, quer durch die Hauptstadt, für einen Konzertabend des Alte-Musik-Festivals „SPAM light – Spandau macht Alte Musik“.
Das 2023 gegründete Festival sollte dazu beitragen, die Lücke für Renaissance- und Barockmusik in der Berliner Musikszene zu schließen. Zuletzt fand SPAM im vergangenen Jahr statt. Um die Wartezeit auf das nächste große Festival im kommenden Jahr zu verkürzen, wurde diesmal eine abgespeckte Fassung veranstaltet. Was für eine wunderbare Idee.
Im Mittelpunkt stand dabei Berliner Kammermusik. Überwiegend kleiner besetzte Instrumental- und Vokalensembles hatten so die Gelegenheit, in entspannter Atmosphäre Werke des 17. und 18. Jahrhunderts zu präsentieren, die allesamt einen Bezug zu Berlin oder seine Umgebung aufweisen.
Ich steige aus der S-Bahn aus und laufe durch die Spandauer Altstadt. Mit ihrer Fußgängerzone hat man hier das Gefühl, man befände sich eher in einer deutschen Kleinstadt und nicht eine halbe Stunde mit der S-Bahn von der Friedrichstraße entfernt. Mein Weg führt mich vorbei an der Nikolaikirche, einer alten Dorfkirche aus dem 14. Jahrhundert. Sie ist ebenfalls Veranstaltungsort des Festivals.

Die auf eine slawische Befestigungsanlage im 11. Jahrhundert zurückgehende Zitadelle Spandau wurde im Jahr 1594 fertiggestellt.
Wie in einer anderen Welt
Wenige hundert Meter weiter gelange ich zur Zitadelle Spandau. Die gut erhaltene Festung der Hochrenaissance ist der Hauptveranstaltungsort von SPAM. Kleine Laternen und Schilder weisen mir auf dezente und eher provisorisch anmutende Weise den Weg zu den sogenannten Italienischen Höfen. Diese aus Ziegelstein gemauerten Gewölbe gehören zum ältesten Teil der Zitadelle.
Augenblicklich hat man das Gefühl, man ist in einer ganz anderen Welt. Gerade weil man in Berlin wirklich alte Bausubstanz förmlich suchen muss, versetzt mich die Atmosphäre dieses Ortes gedanklich eher an einen anderen Ort.
Und doch bleibt es an diesem Abend dank des anstehenden Programms sehr Berlinisch. Denn die junge Berliner Cembalistin Elina Albach bringt mit dem von ihr gegründeten Ensemble "Continuum" J.S. Bachs „Musikalisches Opfer“ (BWV 1079) auf die Bühne.

Kleine Laternen und Schilder weisen den Weg quer durch die Zitadelle und lassen den charmanten Charakter des Festivals erkennen.
Der Thomaskantor brüskiert den Sächsischen Kurfürsten
Dieses Spätwerk Bachs stellt eine Besonderheit dar. Drei Jahre vor seinem Tod widmet der Komponist dem Preußischen König Friedrich II. dieses komplexe Werk, dieses „musikalische Opfer“. Äußerst heikel ist dabei, dass der Leipziger Thomaskantor den Sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. damit brüskierte. Schließlich stand Bach seit 1736 auch in dessen Diensten. Zudem waren die Beziehungen zwischen Sachsen und Preußen seinerzeit sehr angespannt. Der Zweite Schlesische Krieg war erst zwei Jahre zuvor zugunsten von Preußen zu Ende gegangen.
Dieser Konflikt wird an diesem Abend noch einmal ausdrücklich deutlich gemacht. Der Festivalleiter und Musikwissenschaftler Bernhard Schrammek verfasste eigens für diesen Abend ein Libretto. Dabei lässt er Bachs zweite Ehefrau Anna Magdalena Bach zehn Jahre nach der Komposition des Musikalischen Opfers und sieben Jahre nach dem Tod ihres Ehemanns zu Wort kommen.
Zwischen den einzelnen Teilen des Werks reflektiert sie ihre Sichtweise auf die Geschehnisse rund um die Entstehung des Werks. Die Worte Anna Magdalenas trägt dabei die Berliner Schauspielerin Franziska Trögner vor. Sie verkörperte bereits in dem DDR-Film „Johann Sebastian Bach“ von 1985 die Anna Magdalena.

Die Schauspielerin Franziska Trögner schlüpft in die Rolle von J.S. Bachs zweiter Ehefrau Anna Magdalena. Im Hintergrund die Cembalistin Elina Albach mit dem von ihr gegründeten Ensemble Continuum.
Kriegsherr und Schöngeist
Vor allem aber wird wiederholt die Ambivalenz angesprochen zwischen dem, ihrem Ehemann schmeichelnden Erfolg beim, den schönen Künsten zugetanen Friedrich II. und zugleich dessen Rolle als Kriegsherr, der die Grenzen auf dem europäischen Kontinent mit Gewalt verschiebt.
So wie es Anna Magdalena in Schrammeks Libretto in den Mund gelegt wird, scheint das für ihren Ehemann aber weniger von Belang gewesen zu sein. Er fühlte sich vor allem von dem Regenten, in dessen Diensten sein Sohn Carl Philipp Emanuel als Hofkomponist stand, geschmeichelt und geehrt.
Ein „königliches Thema“
Bach wird bei seinem Besuch im Potsdamer Stadtschloss von dem Preußischen König aufgefordert, am damals neuartigen Fortepiano, also einem Hammerflügel, über ein von ihm vorgegebenes Thema zu variieren. Es gelingt ihm, aus dem Stegreif eine dreistimmige Fuge zu improvisieren. Das von Friedrich II. vorgegebene Thema ist dabei alles andere als leicht. Insbesondere die chromatisch absteigende Schlusskadenz macht eine kontrapunktische Verarbeitung eher schwierig.
Auf die Frage des Preußenkönigs, ob er auch eine sechsstimmige Fuge improvisieren könne, verweist der Gast aus Leipzig darauf, dieses ob der Schwierigkeit doch lieber nachreichen zu wollen. So geschieht es denn auch.
Zwei Wochen später ist die aus 16, überwiegend kontrapunktischen Sätzen bestehende Suite fertig in denen das „königliche Thema“ immer wieder aufs Neue verarbeitet wird. Bach versendet sein Werk an Friedrich mit den Worten:
„Allergnädigster König, Ew. Majestät weihe hiermit in tiefster Untertänigkeit ein Musikalisches Opfer, dessen edelster Theil von Derselben hoher Hand selbst herrühret."
Eine Antwort von dem Regenten erhält der Komponist daraufhin nicht.

Die Italienischen Höfe bieten eine gute Akustik und die passende Atmosphäre für das kleine aber feine Festival.
Die Musik als eigene Sprache
Bach schien es wichtig zu sein, mithilfe dieses kompositorischen Meisterwerks seine Hochachtung gegenüber dem Preußenkönig zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht ist es auch das, was Bachs Musik hier besonders deutlich werden lässt: Ehrerbietung und Wertschätzung können mit der Musik als eigener Sprache wunderbar zum Ausdruck gebracht werden.
Und während der Sänger von Spandau Ballet in dem Song „True“ nach Worten ringt um seine wahre Liebe zum Ausdruck zu bringen, bedient er sich ebenfalls der Musik, um seine Zuneigung zu zeigen.
Auch wenn Jahrhunderte zwischen Bach und dem Songwriter Gary Kemp von Spandau Ballet liegen mögen, scheinen sich doch beide einig zu sein:
Worte allein können gar nicht das ausdrücken was nur die Musik allein vermag. Denn wie kann man besser seine Wertschätzung oder gar Liebe und Zuneigung zum Ausdruck bringen als mithilfe der Musik?
Text und Abbildungen: Torben Bührer
Dieser Text entstammt dem Keys Cafe Newsletter No. 7 - März 2026.

Das noch neue Festival SPAM - Spandau macht Alte Musik wurde 2023 gegründet und bringt frischen Wind in die Alte-Musik-Szene der Hauptadt.
