Gelido in ogni vena - Wie Eis fließt mir das Blut

Ein italienischer Abend mitten im Berliner Winter

Die Akademie für Alte Musik Berlin und Studierende der Barenboim-Said Akademie bringen gemeinsam mit der Sopranistin Roberta Mameli italienische Barockarien und Instrumentalmusik auf die Bühne des Berliner Boulez-Saal

Über einen italienischen Abend im Berliner Januar.

 

Der Winter hat Berlin fest im Griff. Unter den Linden ist alles in Schnee gehüllt, es ist klirrend kalt, die Gehwege sind mittlerweile zu spiegelglatten Rutschbahnen geworden. Man hofft, dem eisigen Ostwind noch trotzen zu können bevor man endlich das Konzerthaus, den Boulez-Saal, gleich hinter der Staatsoper Unter den Linden gelegen, erreicht, um sich ein wenig aufzuwärmen.

 

Das vielleicht spannendste Alte-Musik-Ensemble

Da kommt an diesem Mittwoch ein Abend voller italienischer Musik genau richtig. Und was kann bei all der sich langsam aber sicher grassierenden Januar- und Winterverdrossenheit besser helfen als ein wenig Alte Musik aus  Italien. Dazu noch interpretiert von einem der spannendsten Alte-Musik-Ensembles unserer Gegenwart, der Akademie für Alte Musik (Akamus). Das 1982 in Berlin gegründete Ensemble wurde erst kürzlich mit dem Ehrenpreis 2026 der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

 

Gemeinsam mit der Sopranistin Roberta Mameli und Studierenden der Barenboim-Said Akademie bringt Akamus an diesem Abend unter der Leitung von Bernhard Forck italienische Barockarien und Instrumentalwerke unter anderem von Johann Adolf Hasse, Unico Wilhelm van Wassenaer, Leonardo Vinci, Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel und Alessandro Scarlatti zu Gehör.

 

Allen diesen Künstlern ist ihr Italien-Bezug gemein. Sei es, dass jemand wie der gebürtige Hallenser Händel seine ersten musikalischen entscheidenden Gehversuche in Italien machte oder wie der aus der Nähe von Hamburg stammende Johann Adolf Hasse in Italien reüssierte bevor er an den Dresdner Hof und dann nach Wien ging oder etwa wie Alessandro Scarlatti, der vor allem in Rom und Neapel wirkte. Italien gilt als das Mutterland der Barockmusik und war damals Anziehungspunkt für Komponisten aus ganz Europa.

Der Winter hat Berlin fest im Griff. Die Prachtstraße Unter den Linden, vorne rechts die Staatsoper Unter den Linden.

 

Den jungen Händel zieht es nach Italien


Den 21-jährigen Händel verschlug es nach einem dreijährigen Intermezzo in Hamburg nach Italien, dem Stammland der Oper. Mit der Oper „L'Orfeo“ schuf Claudio Monteverdi 1607 das erste Meisterwerk dieser Gattung. 

 

Händel wollte in Italien den italienischen Belcanto-Stil besser kennenlernen und schrieb hier seine ersten Opern. Bereits 1707 begeisterte er in Rom in der Basilica San Giovanni in Laterano das Publikum mit seinem Orgelspiel. Neben den beiden Opern „Rodrigo“ (Florenz, 1707) und „Agrippina“ (Venedig, 1709) und den Oratorien „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“und „La Resurrezione“ (Rom, 1707 und 1708) komponierte Händel auch Instrumentalwerke wie das an diesem Abend zu hörende Concerto grosso G-Dur op. 6 Nr. 1 von 1739/40. 

 

Italien war nicht zuletzt auch Vorreiter bei der Entwicklung des Concerto grosso als musikalische Gattung. Händel ließ sich hier u.a. von Corelli inspirieren, den er in Italien ebenso wie Scarlatti persönlich kennenlernte.

 

Schrecken und Verzweiflung bei Leonardo Vinci

Der aus Italien stammende Leonardo Vinci (1690-1730) hat Italien nie verlassen. Er ist dabei nicht zu verwechseln mit Leonardo da Vinci. An diesem Abend interpretiert Roberta Mameli gemeinsam mit Akamus und den Studierenden auf wunderbare Weise Vincis Arie des Cosroe „Gelido in ogni vena“ (Wie Eis fließt mir das Blut) aus der 1726 erstmals aufgeführten Oper „Siroe, re die Persia“. Das Libretto von Pietro Metastasio wurde wiederholt vertont – unter anderem auch von Vivaldi nur ein Jahr später in seiner Oper „Farnace“.

 

In der Arie „Gelido in ogni vena“  bringt der persische König Cosroe seine tiefe Verzweiflung und seinen Schrecken darüber zum Ausdruck, dass er fälschlicherweise davon ausgeht, den Tod seines Sohnes angeordnet zu haben. Dem König gefriert das Blut in seinen Adern, der Schatten seines leblosen Sohnes umfängt ihn mit Schrecken, so heißt es in der Arie. Er sieht, dass er Unrecht tat an einer treuen Seele, einem unschuldigen Herzen.

 

Das Pulsieren in den Adern des Königs

Während Vivaldi das Entsetzen und den Schauer des Königs in der Vertonung dieser Arie über das „Winter“-Thema seiner Vier Jahreszeiten zum Ausdruck bringt, bildet auch bei Vinci der gleichmäßig stockende Rhythmus als das Pulsieren in den Adern des Königs den musikalischen Rahmen. Dazu bedient sich Vinci der schmerzvollen und dunklen Tonart f-moll. 

 

Die einfühlsame Weise, in der die in Rom geborene Spezialistin für Alte Musik Roberta Mameli die Arie vorträgt, lässt ihre eigene Ergriffenheit an diesem Abend unschwer erahnen. Die eisige Stimmung und zugleich emotionale Tiefe wird durch die Begleitung durch das Ensemble noch verstärkt.

 

Eine zutiefst humanistische Sichtweise

In Vincis Komposition wird die sich zu jener Zeit insbesondere im italienischen Barock immer stärker zeigende humanistische Sichtweise erkennbar. Das menschliche Wesen mit all seinen Gefühlen und seiner körperlichen Beschaffenheit stehen im Mittelpunkt. So nehmen in dieser Arie die Gefühle des Schmerzes und der Verzweiflung von den Zuhörenden regelrecht Besitz.

 

"Laschia chio pianga" - "Lass mich weinen"

Nach der Arie des Ariodante aus Händels „Ariodante“ durfte als Zugabe an diesem Abend Händels wohl berühmteste Arie „Laschia chio pianga“ (Lass mich weinen) nicht fehlen. Die entführte Almirena beklagt darin ihre Gefangennahme und bittet um ihre Freiheit.

 

Die Melancholie dieser Arien ebenso wie der Instrumentalwerke mag hoffentlich den Zuhörenden an diesem kalten Januarabend dabei geholfen haben, ein wenig über die Gefangennahme durch die eisigen Klauen des Berliner Winters hinweggetröstet zu werden.

 

Text und Abbildungen: Torben Bührer

Die Akademie für Alte Musik Berlin mit Studierenden der Barenboim-Said Akademie und der Sopranistin Roberta Mameli

©Torben Bührer. Alle Rechte vorbehalten.

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