

Das Buch "Lebensfuge" von Zuzana Ruzickova ist erstmals 2019 bei Propyläen auf Deutsch erschienen
Tastenreise #4
Ein Bach fürs
Leben
Auf den Spuren der Cembalo-Pionierin Zuzana Ruzickova
In einer Nacht im Jahr 1943 fliegt im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein kleines Stück Papier mit einem Fragment von Johann Sebastian Bachs Sarabande aus der Englischen Suite No. 5 durch die Luft und entschwindet tanzend in der Dunkelheit. Die Cembalistin Zuzana Ruzickova sagt, dass dieser Zettel höchstwahrscheinlich das Leben ihrer Mutter gerettet hat. Und J.S. Bachs Musik das ihre.
Welche Kraft hat die Musik? Kann Musik Leben retten? Kann sie zumindest einem Menschen dabei helfen, das Schlimmste zu überleben?
Diese Fragen stellte ich mir immer wieder, als ich mich näher mit der Cembalistin Zuzana Ruzickova beschäftigte.
Befasst man sich mit dem Cembalo und seiner Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert, stößt man unweigerlich irgendwann auf den Namen Zuzana Ruzickova. Nicht nur für ihre Heimat Tschechien war die 1927 in Pilsen geborene Pianistin eine Wegbereiterin für die Renaissance dieses Instruments. Ihr schon frühes Interesse daran, den von ihr hochgeschätzten Johann Sebastian Bach nicht nur auf dem Klavier zu spielen sondern auf dem Instrument, für den er einen großen Teil seiner Kompositionen geschrieben hatte, hat vielen Menschen ein neues Hören Bachs und der Musik seiner Zeit erst ermöglicht.
Ein Herbsttrip nach Prag
Der diesjährige Herbsturlaub sollte mich zusammen mit meiner Familie nach Prag führen. Das passte sehr gut, war ich doch gerade erst kurz zuvor auf die Autobiografie „Lebensfuge – Wie Bachs Musik mir half, zu überleben“ von Zuzana Ruzickova gestoßen. Dieses Buch ist fast zeitgleich mit dem Kinofilm „Zuzana – Music is Life“ im Jahr 2017 erschienen – demselben Jahr in dem Zuzana Ruzickova in Prag verstorben ist.
Das Buch, der Film und überhaupt die Lebensgeschichte der Zuzana Ruzickova haben mich, ebenso wie ihre zutiefst menschenfreundliche Haltung, sehr bewegt.
Das Cembalo hinter dem Eisernen Vorhang
Es ist die Geschichte einer jüdischen Tschechin, die den Holocaust, die Auschwitz überlebte. Die zuvor in Theresienstadt und später in Zwangsarbeit in Hamburg sowie in Bergen-Belsen war. Sie überstand drei Jahre Martyrium in den Konzentrationslagern und verlor dabei einen großen Teil ihrer Angehörigen. Später legte Zuzana Ruzickova dann eine bedeutende internationale Karriere als Konzertpianistin und Cembalistin hin. Besonders bekannt wurde sie dabei für die Einspielung sämtlicher Werke für Tasteninstrumente von J.S. Bach.
Trotz der Möglichkeiten, bei Auslandsauftritten im Westen zu bleiben, blieb sie ihrer Heimat treu und überstand auch das repressive Regime der Kommunisten, das ebenfalls von Antisemitismus geprägt war, ebenso wie die sowjetische Besatzung nach dem Prager Frühling. Und sie trug dazu bei, dass das als religiös und feudal beargwöhnte Cembalo auch hinter dem Eisernen Vorhang wieder bekannt und beliebt wurde.
Der Zeitgeist ändert sich
Später geriet Zuzana Ruzickova dann ein wenig in Vergessenheit. Viele Jahre spielte sie auf einem Ammer-Cembalo aus der DDR. Dieses Instrument in nichthistorischer Bauweise strebte eher danach, die Vorzüge des Klavierbaus auch auf den Cembalobau zu übertragen und nicht den historischen Originalen in jeder Hinsicht nachzueifern. Der Zeitgeist änderte sich gegen Ende des Jahrhunderts, denn die historisch informierte Aufführungspraxis hatte sich durchgesetzt und führte zu anderen Hörgewohnheiten bei den Cembaloenthusiasten. Nun wurde jeder kritisch beäugt, der nicht dem genauen Klangideal der Originalinstrumente nachstrebte.
Zuzana Ruzickova war keine Dogmatikerin. Ihr ging es vielmehr darum, die Musik Bachs und anderer aus der Zeit in die Gegenwart zu bringen, sie lebendig werden zu lassen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs spielte sie auch auf historischen Nachbauten. Die Deutungshoheit der historisch informierten Aufführungspraxis wurde jedoch anderen zugestanden.
Die düstere Melancholie Prags ist verschwunden
Ich war schon häufiger in Prag. Von Berlin aus ist es nicht weit, ein Zwischenstopp im schönen Dresden macht die Fahrt noch angenehmer. Wie bei jedem Besuch bin ich auch dieses Mal wieder von der Schönheit der von barocker Architektur und anderen pittoresken Bauwerken geprägten Stadt, beeindruckt. Zugleich ist die Stadt stark vom Tourismus dominiert. Nichts erinnert mehr an die manchmal düstere Melancholie, die die Stadt zu Kafkas Zeiten und ebenso noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte.

Das Prager Rudolfinum
Ich stehe vor dem Rudolfinum, dem großen Prager Konzerthaus an der Moldau, an dem Zuzana Ruzickova jahrzehntelang gewirkt hat. Die zur Zeit des Kommunismus und der Besatzung durch die Sowjets herrschende Enge kann man kaum noch nachempfinden. Prag ist heute eine bunte und internationale Stadt voller Kultur und Lebendigkeit.
„Die Wände der Pinkas-Synagoge zeugen von so viel Leid“
Ich wandere vom Rudolfinum aus weiter durch das nahe jüdische Viertel Prags, der Josefstadt, auf Tschechisch Josefov. Hier kann man sich den verwunschenen jüdischen Friedhof mit seinen wie schiefe Zähne in den Himmel ragenden Grabsteinen anschauen. Vom Friedhof aus dem 15. Jahrhundert geht es weiter zur Pinkas-Synagoge. Sie ist heute zugleich Holocaust-Gedenkstätte. Die nach der sowjetischen Okkupation 1968 geschlossene Gedenkstätte wurde drei Jahre nach der Samtenen Revolution im Jahr 1993 wiedereröffnet. An den Wänden sind die Namen der 78.000 ermordeten böhmischen und mährischen Juden verewigt.
Die Wände der Pinkas-Synagoge zeugten von so viel Leid, beschreibt Zuzana Ruzickova in ihrem Buch. Die Namen fast ihrer gesamten Familie und sehr vieler ihrer Freunde sind dort verewigt. „Ich staune oft über das Wunder, dass mein Name nicht auch an dieser Wand steht.“, schreibt sie in ihrem Buch.
Eine assimilierte Jüdin
Zuzana Ruzickova wuchs wie viele andere als assimilierte Jüdin auf. Ihrer Beschreibung nach wurde sie von einer Mischung aus jüdischer, tschechischer und deutscher Kultur geprägt. Die Liebe zu ihren Eltern war aber sicher das Prägendste. Und auch wenn ihr Vater bereits in Theresienstadt von den Deutschen ermordet wurde, gelang es ihr, gemeinsam mit ihrer Mutter an der Seite die Leiden in den Konzentrationslagern zu überstehen.

Bachs Musik als Talisman
Noch eine andere Person aber half Zuzana Ruzickova die Tiefen ihres Lebens zu durchschreiten. Es war J. S. Bach. Eine Geschichte, die Zuzana Ruzickova immer wieder erzählt hat, trug sich in Auschwitz zu.
Bereits als Siebenjährige fing Zuzana Ruzickova mit dem Klavierspiel an. Ihre Klavierlehrerin erzählte ihr vom Cembalo, dem Instrument, für das J. S. Bach seine Musik komponiert hatte. Das Cembalo war damals weitestgehend noch in Vergessenheit. Es gab kaum neue Instrumente, die Originale schlummerten, häufig unspielbar in Museen. Gemeinsam mit ihrer Klavierlehrerin hörte sie die Aufnahmen der Pianistin und Cembalistin Wanda Landowska, die als eine der Pionier:innen der Alte-Musik-Bewegung gilt. Die Wiedergeburt des Cembalo hatte gerade erst begonnen.
Die junge Zuzana Ruzickova träumte vom Unterricht bei der damals am Pariser Konservatorium unterrichtenden Wanda Landowska. Als sie tatsächlich eine Einladung nach Paris an das Konservatorium erhielt, war es bereits zu spät. Zuzana Ruzickova war gemeinsam mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert worden. Wanda Landowska musste 1941 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft in die USA emigrieren. Zuzana Ruzickova lernte sie nie persönlich kennen.
Die Hölle von Auschwitz-Birkenau
Nach Theresienstadt wurde Zuzana Ruzickova 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter nach Auschwitz verbracht. Auschwitz bezeichnet sie in ihrem Buch als die Hölle. Zu ihren wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich trug, gehörte ein kleiner Zettel. Auf diesem kleinen Stück Papier hatte sie kurz vor der Deportation den Anfang der Sarabande aus der Englischen Suite Nr. 5 in e-Moll von J. S. Bach (BWV 810) notiert. Ein Talisman. In den Wirren ihrer Ankunft in Auschwitz wäre sie um ein Haar von ihrer Mutter getrennt worden. Mit ihr hatte sie bereits zwei Jahre das Martyrium durch die Nazis über sich ergehen lassen müssen.
Sie sollten mit Lastwagen weiter in das Innere des Lagers gebracht werden. Zuzana befand sich bereits auf der Ladefläche eines Wagens, als ihre Mutter von den deutschen Wachen auf einmal zurückgestoßen wurde. Die fünfzehnjährige Zuzana hielt die Noten J. S. Bachs die ganze Zeit fest in der Hand, las sie immer wieder, um sie im Kopf zu behalten. Sie waren für sie in diesem Moment lebenswichtig, wie sie in ihrem Buch die Situation beschreibt.
Der Schock darüber, dass sie ihre Mutter zurücklassen musste, war so groß, dass sie schrie, wild gestikulierte. Dabei entglitt ihr der Zettel und flog durch die Lüfte. Ihre Mutter wusste von der Bedeutung dieses Talismans. Sie riss sich los, um den Hoffnungszettel ihrer Tochter zu retten und hinter dem Lastwagen herzueilen. Es gelang ihr. Zuzana konnte mit Hilfe anderer Frauen ihre Mutter auf die Ladefläche zerren, unter dem Brüllen und Gewehrschwenken der deutschen Wachen. Der Zettel mit Bachs Noten aber flog wieder davon – in den Nachthimmel von Auschwitz-Birkenau.
Zeitzeugenschaft gegen das Vergessen
Zuzana Ruzickova beschreibt die unglaublichen Ereignisse, deren Zeugin und Opfer sie in den Konzentrationslagern wurde, klar und schmerzlich detailreich. Sie hat damit nicht nur ein wichtiges Stück dazu beigetragen, dass die Erfahrungen der Zeitzeugen für die Nachwelt überliefert werden. Es handelt sich um ein Plädoyer gegen Hass, Ideologien und das Leid, für Menschlichkeit und Verständigung. Zugleich ist es ein Plädoyer gegen das Vergessen und die Lüge.
„Wenn einmal niemand mehr lebt, der das alles mitgemacht hat und nach den Einzelheiten gefragt werden kann, wird es kaum noch möglich sein, sich vorzustellen, dass es passiert ist. Und weil es nicht zu glauben ist, scheint es auch unmöglich. Und doch ist es geschehen.“
Bis zu ihrem Tod engagierte sich Zuzana Ruzickova unermüdlich gegen das Vergessen und das nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu ihrem Ersetzen wahrzunehmende Wiedererstarken von Faschismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Sie wurde nicht müde, in Schulklassen, in der Öffentlichkeit über ihre Erfahrungen zu sprechen.
„Bei Bach findet man stets Trost“
J. S. Bach blieb dabei immer ihr Begleiter. Sie verwehrte sich gegen eine fast religiöse Überhöhung seiner Person. Zugleich bezeichnete sie ihn als denjenigen, der sie „den Glauben lehrt“, der Trost spendet und den Menschen etwas Ewiges gibt, was das Menschsein transzendiert. Was er ihr mit seiner Musik vermittelt habe, habe sie am Leben gehalten, schreibt sie.
„Wenn ich gefragt werde, was er mir bedeutet, dann sage ich: Bachs Musik ist Ordnung im Chaos. Sie ist Schönheit in der Hässlichkeit. Ich habe in meinem Leben genug von beidem gesehen, um zu wissen, wovon ich rede.“

Diese LP aus dem Jahre 1962 fand ich in einem Berliner Antiquariat. Mit dieser Aufnahme der Goldberg-Variationen wurde Zuzana Ruzickova auch im Ausland berühmt.
Text und Abbildungen: Torben Bührer
Quellennachweis: Zuzana Ruzickova, Lebensfuge - Wie Bachs Musik mir half zu überleben. Propyläen. Berlin, 2019. (Die obigen wörtlichen Zitate beziehen sich auf die S. 199 und 396f.)
Dieser Text entstammt dem Keys Cafe Newsletter #3 November 2025.
