Das Ensemble "Titans Rising" in der Kirche am Lietzensee

Die Kirche am Lietzensee in Berlin

Tastenreise #2

Die Titanen vom Berliner Lietzensee

Titanen – wer waren sie doch gleich? 

Wer sich noch an die griechische Mythologie in der Schulzeit erinnern kann, hat sie vor Augen: Riesinnen und Riesen in Menschengestalt. Sie kämpften gegen die olympischen Götter und wurden besiegt. Sie fielen. 

Seit einigen Jahren steigen sie aber wieder empor. Jedoch nicht in Griechenland sondern diesmal am Berliner Lietzensee. 

Wie kam es dazu? Wie kommen diese griechischen Sagengestalten an das Ufer eines beschaulichen See im tiefen Westen der Stadt, den die Berliner gerne zur Naherholung aufsuchen? 

Zu verdanken ist das Wiedersehen mit den Titanen vor allem der US-amerikanischen Sopranistin Sarah Fuhs, die 2008 nach Berlin gezogen ist und vor einigen Jahren den Versuch unternahm, die verhältnismäßig kleine Alte-Musik-Szene der Hauptstadt zu neuem Leben zu erwecken. Zusammen mit Freund:innen gründete sie ein Ensemble für Alte Musik und die Konzertreihe „Titans Rising“. Seitdem wird in der Kirche am Lietzensee regelmäßig Musik des Mittelalters, der Renaissance und des Frühbarock gespielt. 

 

Der Musik ganz nahe

Aber singen und musizieren nun Riesen in Berlin? In gewisser Weise schon. Zumindest ist das der Eindruck, den ich bei der Saisoneröffnung zur Konzertreihe 2025-2026 von "Titans Rising" Anfang September bekomme. Dank der ausgezeichneten Akustik und offenen Architektur der im Stil der Moderne 1959 errichteten Kirche am Lietzensee ist man der Musik und den Künstler:innen unglaublich nahe. Die überwiegend jungen Musiker:innen und ihre Musik steigen an diesem spätsommerlichen Nachmittag sinnbildlich gesprochen auf wunderbare Weise empor. Ganz nach diesem Sinne ist es auch das erklärte Ziel der Reihe, mit der historischen Aufführungspraxis bestens vertraute, gut ausgebildete Künstler:innen und ihre Musik sichtbarer und bekannter zu machen. 

 

Der Orpheus von Zittau

Das Motto des Konzerts an diesem Nachmittag ist „Hammerschmidt 350 – Der Orpheus von Zittau und der Klang Sachsens“. Es ertönen Werke des aus Böhmen stammenden Komponisten Andreas Hammerschmidt (1611-1675), dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 350. Mal jährt. Hammerschmidt war fast vier Jahrzehnte Organist in Zittau. Er hat die Musik des Frühbarock wesentlich mitgeprägt. Und so wird an diesem Tag seine Musik wunderbar in Beziehung zu anderen zeitgenössischen Komponisten aus Böhmen und Sachsen wie Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein, Tobias Michael und anderen gesetzt. 

 

Dabei kommen durch die Gegenüberstellung der einzelnen Stücke die sich gegenseitig befruchtenden Kompositionsstile und Einflüsse auf die Musik am italienisch geprägten Dresdner Hof und der fromm-lutherischen Stadt Leipzig sehr gut zum Ausdruck.  Die vorherrschende Stimmung einer nicht zuletzt auch durch den Dreißigjährigen Krieg und seine Verwerfungen geprägte Zeit kann man mithilfe der Musik spüren. Herausgehoben seien da insbesondere die Stücke „Die Erlöseten des Herren“ von Tobias Michael (1592-1657) und „Himmel und Erde vergehen“ von Andreas Hammerschmidt. 

 

Neben Sarah Fuhs (Mezzosopran) singen an diesem Nachmittag Juliane Schubert (Sopran), Martin Fehr (Alt), Stephan Gähler (Tenor) und Vincent Berger (Bass). Begleitet werden sie von Amanda Markwick (Renaissance-Traversflöte), Prisca Stalmarski (Barockvioline), Klaus Eichhorn (Orgel) und Bernhard Reichel (Theorbe).

 

Ein neuer Ort für Alte Musik

Den Gründer:innen der Reihe „Titans Rising“ ist es gelungen, einen neuen, dauerhaften Ort für Alte Musik in Berlin zu schaffen. Es erklingt im Monatsrhythmus Musik, die weniger bekannt ist und, wenn überhaupt, eher selten aufgeführt wird. Zugleich wird die Musik nicht einfach nur so heruntergespielt, sondern vielmehr sorgfältig ausgewählt und in einen historischen Kontext gestellt. Sie erscheint dadurch umso zugänglicher. Das ist besonders deshalb sehr verdienstvoll, da nicht zuletzt aufgrund der massiven Kürzungen im Kulturbereich durch den Berliner Senat immer weniger Raum gerade für junge Künstler:innen bleibt, ihre Musik vor Publikum zu spielen. 

 

Der Eintritt zu diesem einmaligen Erlebnis erfolgt auf freiwilliger Spendenbasis. Die entspannte Konzertatmosphäre wird im Anschluss noch dadurch abgerundet, dass man bei einem Wein oder anderen Getränk im Garten der Kirche noch mit den Musiker:innen und anderen Gästen ins Gespräch kommen kann. 

 

Nähere Informationen zum Ensemble und zur Konzertreihe „Titans Rising“ auf der Homepage https://titansrising.de

 

Das nächste Konzert „Unmensch - der metamorphe Kastrat" mit dem Dansant Ensemble findet am 16.11.2025, 17 Uhr, in der Kirche am Lietzensee in Berlin statt. 

 

Dieser Text entstammt dem Keys Cafe Newsletter No. 2 - Oktober 2025.

©Torben Bührer. Alle Rechte vorbehalten.

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