Von Antwerpen in die Welt
Die Cembalobauerfamilie Ruckers
„Musica Laetitiae Comes Medicina Dolorum“ –
Die Musik ist die Begleiterin der Freude und das Heilmittel gegen den Schmerz
(Sehr verbreitete Inschrift auf flämischen Cembali, insbesondere der Familie Ruckers, etwa bei einem Instrument von Hans Ruckers von 1591)
An einem goldenen Oktobertag streifte ich über einen Berliner Flohmarkt. Dabei fiel mir an einem kleinen Stand eine alte Schallplatte aus DDR-Zeiten ins Auge: „Das Ruckers-Cembalo im Schloß Köpenick“. Darauf befanden sich Aufnahmen aus dem Schloss Köpenick in Berlin sowie ein Konzertmitschnitt aus der Schlosskapelle Köpenick Anfang der 1980er Jahre.
Auf der Einspielung widmet sich der Cembalist Armin Thalheim der englischen Virginalmusik des 16. und 17. Jahrhunderts mit Kompositionen u.a. von William Byrd, John Bull und Giles Farnaby. Darüber hinaus finden sich auf der Aufnahme auch einige Kompositionen des Niederländers Jan Pieterszoon Sweelinck. Dieser wirkte zuzeiten der Entstehung des auf dieser Aufnahme zu hörenden Ruckers-Cembalos. Sweelinck verfügte selbst auch über ein Ruckers-Instrument.
Heutzutage spricht man von Ruckers als der bedeutendsten und einflussreichsten Familien von Cembalobauern in Europa. Man könnte sagen, was für die Geige der Name Stradivari bedeutet, ist vielleicht für das Cembalo der Name Ruckers aus Antwerpen.
Zwei-in-einem
Das auf dieser Schallplatte zu hörende und abgebildete Instrument faszinierte mich. Was war dort zu sehen? Ein rechteckiger Kasten mit zwei Manualen – ein großes an der Vorderseite und ein kleines an der Längsseite. Es handelte sich also eigentlich um zwei Instrumente in einem. Bei einem Track auf der Aufnahme, dem Stück „For Two Virginals“ von Giles Farnaby, ist dann auch das große Cembalo und das seitig eingebaute Oktavvirginal zusammen zu hören.
Ich recherchierte, was aus diesem Instrument geworden ist. Schnell erfährt man, dass sich das Ruckers-Cembalo nicht mehr im Schloss Köpenick befindet. Mittlerweile kann es als Dauerleihgabe des Kunstgewerbemuseums Schloss Köpenick im Musikinstrumenten-Museum Berlin (MiM) am Kulturforum nahe dem Potsdamer Platz bewundert werden.
Ausschnitt aus der LP "Das Ruckers-Cembalo im Schloss Köpenick"
Ruckers-Cembali werden immer wieder als die besten Instrumente ihrer Zeit bezeichnet. Was macht sie also so besonders?
Wie ging es zu in der Ruckers-Werkstatt im Antwerpen des ausgehenden 16. Jahrhunderts?
Und wie kam überhaupt ein über 400 Jahre altes Cembalo aus dem alten Antwerpen in das Barockschloss in Köpenick, am Rande Berlins?
Gebaut wurde das Instrument von Hans Ruckers 1594 in Antwerpen. So ist es auch – wie auf vielen Instrumenten damals üblich – deutlich als lateinische Inschrift auf dem Instrument erkennbar. Es gehört damit zu den ältesten erhaltenen Cembali seiner Art und zählt zu den bedeutendsten aus der Werkstatt der Familie Ruckers. Es handelt sich zudem eher um ein spätes Werk von Hans Ruckers, der im Jahre 1598 starb.
Eine Handwerker-Dynastie
Wer sich mit der Geschichte des Cembalos befasst, kommt an der Familie Ruckers aus Antwerpen nicht vorbei. Im 16. und 17. Jahrhundert prägten sie den Cembalobau in Europa ganz wesentlich. Über ein Jahrhundert dominierten sie den Cembalomarkt und belieferten den gesamten europäischen Kontinent, einschließlich England, mit ihren Instrumenten.
Hans Ruckers, geboren in den 1540er Jahren in Mechelen, in der Nähe von Antwerpen, hatte elf Kinder von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten. Zwei seiner Söhne, Joannes (1578-1642) und Andreas (genannt Andreas d.Ä., 1579-nach 1645), wurden ebenfalls erfolgreiche Cembalobauer. Andreas' Sohn, der ebenfalls Andreas hieß, setzte die Tradition dann fort.
Und Hans' Tochter Catharina heiratete in die für den Cembalobau ebenfalls berühmte Familie Couchet ein.
Frauen durften im Antwerpen des 16. Jahrhunderts zwar handwerklich tätig sein und waren auch Mitglieder in Gilden. Sie waren aber zumeist auf Kunsthandwerk wie Malerei oder Textilkunst beschränkt, weshalb wohl der Cembalobau eher nicht für sie in Frage gekommen sein dürfte.
Ein Besuch in der Antwerpener Werkstatt
Wie müssen wir uns das Arbeiten eines Cembalobauers im Flandern des 16. und 17. Jahrhunderts vorstellen?
Vielleicht ja gar nicht so anders als das heutiger Cembalobauer:innen. Zumindest was die Verarbeitung und Gestaltung der Instrumente anbelangt. Denn die heutigen Instrumente werden meistens nach historischen Vorbildern gebaut – und dazu dient nicht selten, wenn es denn ein Instrument nach flämischer Bauart sein soll, ein Ruckers-Cembalo.
Während aber heutige Cembalobauer:innen ihre Instrumente in geringer Stückzahl und häufig in Einzelarbeit anfertigen, müssen wir uns die Werkstatt von Hans Ruckers im Antwerpen des ausgehenden 16. Jahrhunderts doch anders vorstellen. Immerhin geht man davon aus, dass in der Ruckers-Werkstatt durchschnittlich ein Instrument pro Woche gefertigt wurde.
Aber wie sah es aus in Hans Ruckers' Werkstatt? Wir wollen einen Blick wagen.
Auf geht’s also ins Antwerpen des ausgehenden 16. Jahrhunderts!

Gildehäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert am Grote Markt von Antwerpen. Hier befand sich auch die Lukasgilde von Ruckers und Rubens.
Die Werkstatt namens „Das kleine Cembalo“
Es herrscht geschäftiges Treiben in der Antwerpener Vaerstraat, die aufgrund der frühen Ansiedlung jüdischer Gemeinden in diesem Stadtteil später auch Jodenstraat genannt wird. Die enge Gasse befindet sich im Handwerkerviertel der Stadt. Hans Ruckers mietet hier im Jahr 1584 ein Haus, das er dann 1597 erwirbt. Straßennummerierungen sind unüblich, weshalb das Haus einfach „De cleyn clavercingel“ (Das kleine Cembalo) genannt wird. In unmittelbarer Nähe befindet sich auch das Haus des Malers Peter Paul Rubens.
Vorbei geht es an Häusern mit Backsteinfassaden in denen Buchdrucker, Juweliere, Diamantenschleifer, Tapissiers und andere Handwerker und Künstler ihre Werkstätten haben. Gleich am Anfang der Jodenstraat kommen wir zum Haus von Hans Ruckers. Wir stehen vor einem großen Haus mit vielen Fenstern und Fensterläden. Es verfügt über einen großen Innenhof, Geschäfts- und Lagerräume, eine Zisterne, Wohnräume und eine Küche.
Durch ein nur angelehntes hölzernes Tor gelangen wir in die Werkstatt von Hans Ruckers. Wir hören es klopfen und hämmern. Es duftet nach Holz, Harz und Bienenwachs.
Auf dem gepflasterten Boden türmen sich die Sägespäne auf. In der Mitte befindet sich ein großer Arbeitstisch, mehrere Werkbänke sind im Raum verteilt. In den Ecken stapeln sich die verschiedenen Hölzer für den Instrumentenbau: Pappelholz für einen stabilen Korpus, Fichtenholz für den Resonanzboden, Harthölzer wie Ahorn oder Birne für Stege und Springer.
Der Meister, seine Söhne, Gesellen und Lehrlinge
Durch Fenster und die offene Tür fällt Licht in den Raum. Es wird mit Tageslicht gearbeitet, später, nach Einbruch der Dunkelheit auch bei Kerzenschein. Die Arbeitsbedingungen im Handwerk sind hart. Elf bis vierzehn Stunden Arbeit täglich samt anderthalb bis zwei Stunden Mittagspause sind nicht unüblich.
In der Werkstatt treffen wir nicht nur auf den Meister Hans Ruckers sondern auch auf einige seiner Gesellen und Lehrlingen. Die genaue Anzahl ist uns nicht bekannt, aber Meister vergleichbarer Handwerksbetriebe beschäftigten bis zu achtzig Personen.
Die Männer sitzen auf kleinen Schemeln an den Werkbänken, tragen Schürzen über ihren Hemden. Die Instrumente werden in einzelnen Schritten arbeitsteilig hergestellt. Es gibt bereits einen Bauplan sodass zunehmend baugleiche Instrumente entstehen. Allein für das Herstellen der Holzspringer, die die Saiten anreißen, dürfte bei durchschnittlich einem fertiggestellten Instrument pro Woche eine Person vollzeitig beschäftigt gewesen sein.
Das Wissen des Meisters wird gehütet und an seine Söhne, Gesellen und Lehrlinge weitergegeben. Ein Holzgehäuse befindet sich auf dem großen Tisch und lässt erahnen, dass hier ein neues Cembalo entsteht. Jetzt aber wird gerade noch Leim aufgetragen um die einzelnen Teile zusammenzufügen.

Zwei-in-einem-Cembalo mit Virginal. In der Deckelinnenseite ist ein aufwendiges Gemälde erkennbar das die Bekehrung des Apostel Paulus darstellen soll; Joannes Ruckers (Antwerpen, 1620). Zu sehen im MiM Berlin.
Das Cembalo als umfassender Kunstgegenstand
In einer anderen Ecke der Werkstatt steht ein bereits fast fertiges Instrument. Aber Halt! Etwas sehr Wichtiges fehlt noch. Das Instrument soll erst noch verziert und künstlerisch ausgestaltet werden bevor es für den Export vorbereitet wird.
Die vergleichsweise eher schweren und in massiver Bauweise gefertigten Instrumente aus der Ruckers-Werkstatt waren in der Regel reich verziert. So waren die Resonanzböden häufig, wie auch bei unserem Berliner Ruckers-Cembalo, mit Blumen- und Vogelmotiven per Hand bemalt worden. Insbesondere die Deckelinnenseiten wurden nicht selten aufwendig mit Ölgemälden ausgestaltet und die Innenseite mit Blockdrucktapete versehen.
Vor allem die Instrumente für den höheren Adel und andere reiche Personen wurden nicht lediglich mit einer Inschrift versehen. Zu den Künstlern, die Gemälde beisteuerten, gehörten etwa auch der in der unmittelbaren Nachbarschaft der Ruckers-Werkstatt tätige Peter Paul Rubens sowie Jan Brueghel d.Ä.
Unser Berliner Instrument aus dem Schloss Köpenick hat allerdings seine Außenverzierung weitestgehend eingebüßt. Es ist mittlerweile nur noch mit schwarzem Gesso lackiert. Die originale Resonanzbodenbemalung existiert nicht mehr sondern wurde zu einem späteren Zeitpunkt aufgetragen. So wie dieses wurden häufig die Oberflächen der Instrumente wiederholt übermalt. Auch die Tastatur des Cembaloteils ist nicht mehr original.

Das Zwei-in-einem-Cembalo von Hans Ruckers, Antwerpen 1594, im MiM Berlin, Leihgabe des Kunstgewerbemuseums im Schloss Köpenick.
Eine Besonderheit war, dass die Ruckers-Instrumente häufig über ein Geheimfach verfügten, das auch der Ablage diente.
Die Instrumente waren also umfassende Kunstgegenstände. Und auch wenn die Gemälde in den Instrumenten in der Regel von beauftragten Künstlern stammten, ist die künstlerische Seite der Tätigkeit eines Cembalobauers nicht zu unterschätzen gewesen.
Angesehene Bürger und geschickte Kaufleute
Die Cembalobauer der Ruckers-Familie waren angesehene Bürger Antwerpens. Organisiert waren sie in der Lukasgilde, der Zunft der Künstler und Handwerker. Deren Mitglieder, zu denen auch Rubens und Brueghel gehörten, genossen hohes Ansehen in der flämischen Stadtgesellschaft. Damit ging die Möglichkeit einher, selbständig zu arbeiten und Handel zu treiben.
Die flämischen Cembalobauer der Familie Ruckers waren sicher nicht ganz ungeschickte Kaufleute. Ihre stark nachgefragten Produkte fertigten sie in nicht geringer Stückzahl auch für den fernen Export.
Spirituelle Prägung und humanistisches Ideal
Die Geisteshaltung von Hans Ruckers und seinen Kinder dürfte entsprechend der kosmopolitischen Art vieler Künstler und Kaufleute des damaligen Antwerpen gewesen sein. Eine grundsätzlich spirituelle Prägung wurde zugleich von einem humanistischen Ideal ergänzt. Danach dient die Musik nicht nur der Unterhaltung, sondern ihr wird vielmehr auch eine ethische und heilende Wirkung zugesprochen.
Dies kommt wunderbar in dem obigen Zitat „Musica Laetitiae Comes, Medicina Dolorum“ (Die Musik ist die Begleiterin der Freude und das Heilmittel für Sorgen) zum Ausdruck, das als Inschrift der Deckelinnenseite nicht weniger Ruckers-Instrumente belegt ist. Zu sehen ist dieses Zitat etwa auch auf dem berühmten Gemälde „Die Musikstunde“ von Johannes Vermeer, auf dem ein Cembalo mit entsprechender Deckelinschrift abgebildet ist.

Resonanzboden und Innendeckelbemalung auf zweimanualigem Cembalo von Andreas Ruckers, d.A., Antwerpen 1620, zu sehen im MiM Berlin.
Das Goldene Zeitalter Antwerpens geht zu Ende
Am Ende des 16. Jahrhunderts war das Goldene Zeitalter der Stadt Antwerpen zu Ende gegangen. Die Stadt galt im 16. Jahrhundert als wichtigstes Handels- und Finanzzentrum Europas und wurde nicht zu unrecht auch als „Das Venedig des Nordens“ bezeichnet. Der große Reichtum der Kaufleute begünstigten eine freiere Entfaltung von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Diese Zeit kultureller Blüte und Weltoffenheit endete jedoch aufgrund verschiedener Ereignisse.
Religiöse Konflikte wie der Bildersturm von 1566 und die strenge Gegenreformation unter spanischer Herrschaft veränderten das Leben in der Stadt. Überhaupt die Belagerung durch spanische Truppen setzten der Stadt zu. Bei der Spanischen Furie von 1576 wurden binnen drei Tagen tausende Antwerpener umgebracht, meuternde spanische Söldner plünderten brutal die Stadt und brannten sie zu großen Teilen nieder. Hiervon hat sich die Stadt nie wieder richtig erholt. Im Jahr 1585 wurde der wichtige Fluss Schelde abgeriegelt.
Die Protestanten wurden ins Exil verbannt woraufhin sich die Einwohnerzahl von einst 80.000 fast halbierte. Viele Händler und Künstler flohen daraufhin in Richtung der nördlichen, protestantisch geprägten Niederlande, was etwa den Aufstieg von Städten wie Amsterdams begünstigte. Antwerpen war nun nicht mehr das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Niederlande.
Ab 1599 änderte sich die Lage allmählich und eine neue, wenn auch verhaltenere, Blütezeit setzte in der Stadt ein in der sich auch Handel und Kultur wieder erholen konnten.

Das älteste erhaltene zweimanualige Ruckers-Cembalo von Joannes und Andreas (d.Ä.) Ruckers, Antwerpen 1599. Es befindet sich im Händel-Haus Halle. Händel selbst verfügte über ein Ruckers-Cembalo in seiner Londoner Wohnung.
Ruckers und kein Ende
Mit dem Ableben der Cembalobauer aus der Ruckers-Familie nach rund hundert Jahren Cembalobau endete aber die Popularität dieser besonderen Instrumente keineswegs. Auch im 18. Jahrhundert erfreuten sie sich, vor allem auch wegen ihrer Resonanzböden großer Beliebtheit und wurden nicht selten dem Zeitgeschmack entsprechend verändert.
Diese als „Ravalement“ bezeichnete Praxis, bei der etwa weitere Manuale eingefügt oder der Tonumfang erweitert wurden, war insbesondere in Frankreich verbreitet.
Es wird davon ausgegangen, dass heute noch circa hundertdreißig bis hundertfünfzig Instrumente aus der Ruckers-Werkstatt erhalten sind. Bei einigen ist die Authentizität umstritten und aufgrund der teilweise weitreichenden Umbauten schwer zu bestimmen. Die meisten stammen von Joannes und Andreas Ruckers, d.Ä., von ihrem Vater Hans sind nur sehr wenige Exemplare mit gesicherter Urheberschaft erhalten geblieben. Das macht unser Berliner Instrument umso interessanter.
Eine wahre Rarität kommt nach Berlin
Unser Ruckers-Cembalo aus dem Schloss Köpenick ist also eine wahre Rarität. Dazu kommt, dass es mit seiner Zwei-in-einem-Bauweise ebenfalls selten ist. Von seiner Art existieren heute nämlich nur noch vier Instrumente, zwei davon allein in Berlin. Seit einiger Zeit befindet sich das Cembalo sich nun im MiM am Kulturforum nahe dem Potsdamer Platz.
Insgesamt beinhaltet die Sammlung des MiM vier Ruckers-Cembali der Söhne von Hans sowie das Instrument aus dem Schloss Köpenick. Das MiM verfügt über eine der bedeutendsten Sammlung von Musikinstrumenten und ist für Musikinteressierte definitiv ein Besuch wert. Von den rund 3600 Instrumenten können derzeit rund 800 Instrumente, darunter viele interessante historische Tasteninstrumente bestaunt werden.
Teilweise wird davon ausgegangen, dass das Ruckers-Cembalo seinen Weg 1646 nach Berlin mithilfe der Brandenburgischen Kurfürstin Luise Henriette von Oranien(1626-1667) fand. Die Tochter des niederländischen Statthalters in Den Haag heiratete in jenem Jahr den Großen Kurfürsten von Brandenburg Friedrich Wilhelm. Mit ihr gelangten nicht nur niederländische Einflüsse in Architektur und Landwirtschaft nach Brandenburg sondern auch die Förderung der Kunst und der Musik am Berliner Hof.

Barockfassade des Schlosses Köpenick in Berlin. Hier befand sich viele Jahre das Ruckers-Cembalo von 1594.
Das Instrument wird zum Ausstellungsstück
Das Instrument wurde auch im 18. Jahrhundert noch gespielt, wofür nicht zuletzt die vorgenommenen Umbauten wie die Erweiterung des Tonumfangs, der Einbau eines weiteren 8'-Registers und die Umwandlung einer kurzen Bassoktave in eine chromatische Tonabfolge sprechen.
1839 taucht das Instrument in einer Aktennotiz anlässlich der Einrichtung der Kunstkammer im Alten Museum Berlins wieder auf. Nachdem die Kunstkammer aufgelöst worden war, gelangte das Instrument 1867 mit der Gründung des Berliner Kunstgewerbemuseums in dessen Besitz. Dieses Museum befindet sich seit 1963 im Köpenicker Schloss. Das Ruckers-Cembalo wurde dort 1977/78 umfangreich restauriert und spielbar gemacht. Mit dem Ziel, die Musikinstrumente an einem zentralen Ort zu sammeln, gelangte es dann nach der Wende in das MiM.
Das Cembalo – ein wahrhaft europäisches Produkt
Die für ihren vollen Wohlklang, ihren lang anhaltenden Ton und ihre ansprechende Ästhetik in ganz Europa hochgeschätzten Instrumente aus der Ruckers-Werkstatt standen beispielhaft für den Stolz und Erfolg dieser Region und zugleich für den regen grenzüberschreitenden Austausch auch kultureller Güter in ganz Europa.
Dass sich durch diesen Austausch die Bauweisen und Moden des Cembalobaus ebenso wie die Kompositionsweisen für die Cembalomusik in Europa gegenseitig stark beeinflussten und so weiterentwickeln konnten, sollte uns auch heute noch zu denken geben. Und zwar gerade in Zeiten, in denen ein nationalstaatliches Denken nicht selten mit einer Abschottungstendenz gegen fremdartig wirkende Einflüsse einhergeht.
Text und Abbildungen: Torben Bührer
Dieser Text entstammt dem Keys Cafe Newsletter #6 - Februar 2026
Quellenhinweis:
O'Brien, Grant: Ruckers: A Harpsichord and Virginal Building Tradition (Cambridge Musical Texts and Monographs), Cambridge, New York 2008/2009.
Richard Egarr spielt auf einem Originalinstrument von Ruckers-Sohn Joannes (Antwerpen, 1640) J.S. Bach Concerto D-Dur BWV 972 (Netherlands Bach Society).
