Bach in Kreuzberg
Vom Weihnachtsoratorium und vom Singen im Chor
Was haben der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV., Johann Sebastian Bach und Theodor Fontane gemeinsam?
Genau! Sie waren alle schon einmal in Berlin-Kreuzberg, genauer in der Kreuzberger St.-Jacobi-Kirche, gleich um die Ecke vom Moritzplatz, unweit des ehemaligen Mauerstreifens.

Der Innenhof der Kirche St. Jacobi in Berlin-Kreuzberg
Mit dem Sonderzug aus Potsdam
Der Preußenkönig steuerte 26.000 Taler bei, damit das Grundstück vor den Toren der Stadt erworben werden konnte. Bei der Grundsteinlegung von St. Jacobi 1844 war er dann ebenso dabei wie bei der Weihung der Kirche im Jahr 1845. Dafür reiste der König samt Gattin eigens mit dem Sonderzug aus Potsdam an.
Theodor Fontane legte nicht nur seine Apothekerprüfung in der Alten Jacobstraße, unweit von St. Jacobi ab, sondern lebte auch einige Zeit in derselben Straße. Auch einige seiner Familienangehörigen wohnten in dem Viertel.
Und auch Fontane kannte die Gegend rund um die Kirche gut. Das erkennt man auch in seinem Werk. So heiratet das Schneidermamsell Lene Nimptsch aus der Berliner Vorstadt am Ende von Fontanes 1887/1888 erschienenen Roman „Irrungen, Wirrungen“ den Fabrikmeister und Sektengründer Gideon Franke in St. Jacobi.
Bach in Berlin
Johann Sebastian Bach weilte nachweislich mindestens drei Mal in Berlin. Erstmalig kam er 1719 eigens aus Köthen angereist um bei dem berühmten Berliner Cembalobauer Michael Mietke ein bestelltes Cembalo abzuholen. Er übernachtete dabei wohl im mittlerweile wieder aufgebauten Berliner Stadtschloss. Letztmalig befand er sich dann 1747 auf Einladung Friedrichs II. in Berlin und Potsdam.

Das 1950 abgerissen und 2020 wieder eröffnete, teilweise rekonstruierte Berliner Stadtschloss während der Vorweihnachtszeit. Hier übernachtete J.S. Bach vermutlich bei seinem Aufenthalt in Berlin 1719.
Persönlich war Bach allerdings nie in Berlin-Kreuzberg. Schließlich existierte Kreuzberg zu seinen Lebzeiten noch gar nicht. Erst in den 1840ern entstand dort, wo sich das heutige Kreuzberg befindet, ein neues Vorstadtviertel, die Luisenstadt. Deren heute ältestes noch erhaltenes Gebäude ist die nach Plänen des Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler 1844/45 erbaute St.-Jacobi-Kirche im Stil einer altchristlichen Basilika.
Bach in St. Jacobi
Bach kehrt aber dennoch immer wieder nach Kreuzberg zurück – genauer nach St. Jacobi. Oder besser gesagt, ertönt dort regelmäßig seine Musik zur Adventszeit. Und so auch in diesem Jahr.
Die Kantorei der St.-Jacobi-Kirche, die mittlerweile zur Kirchengemeinde Kreuzberg gehört, sang am zweiten Adventswochenende wieder Bachs Weihnachtsoratorium (BWV 248). Ich selber singe im Tenor der Kantorei und war mit dabei. Wie in St. Jacobi wird landauf landab Bachs 1734/35 erstmals in Leipzig aufgeführtes Oratorium auch in diesem Jahr wieder in vielen Kirchen und an anderen Orten gespielt. Für viele gehört das Erschallen der Pauken und der Trompeten des Eingangschores „Jauchzet, frohlocket“ zu Beginn der ersten Kantate zur Advents- und Weihnachtszeit einfach dazu. Eben so wie für andere Punsch und Lebkuchen – und für manch einen auch Lametta.
Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!
Die Musik des Weihnachtsoratoriums scheint mit seinen Affekten so wunderbar zum Text zu passen. Dieser beruht im Wesentlichen auf der Weihnachtsgeschichte nach dem Lukasevangelium. Dabei hatte Bach die Musik aber eigentlich für einen ganz anderen Anlass komponiert. Ein Jahr vor der erstmaligen Aufführung des Weihnachtsoratoriums wurde die sogenannte Königin-Kantate „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“ (BWV 214) anlässlich des Geburtstags der Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen Maria Josepha aufgeführt.
Beim Hören dieser heute noch beliebten Bachkantate erkennt man gleich viele bekannte Melodien, die auch im Weihnachtsoratorium vorkommen. Und gerade beim Eingangschor „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“, dem dieselbe Musik zugrunde liegt wie dem „Jauchzet, frohlocket“ aus dem Weihnachtsoratorium, scheint die Musik mit den Pauken und Trompeten und den im Dreivierteltakt gehaltenen, wahrlich königlichen Klängen noch besser zu passen.
Bach klaut bei sich selbst
Dabei komponierte Bach für sein Weihnachtsoratorium nur noch die Rezitative sowie einige Chöre, eine Arie und die Sinfonia zu Beginn der zweiten Kantate. Mit anderen Worten, Bach klaute einfach die Musik für das Weihnachtsoratorium bei sich selbst. Und dazu noch von einer weltlichen Kantate für ein geistliches Stück.
Dieses sogenannte Parodieverfahren war damals jedoch ganz üblich. Schließlich war Bach vielbeschäftigt. Es galt, als Kantor der Thomaskirche in Leipzig, jeden Sonntag eine neue Kantate aufzuführen. Dazu kamen noch andere zeitraubende Verpflichtungen wie etwa das Unterrichten an der Thomasschule.
Wie auch schon bei seinem weitaus weniger bekannten Osteroratorium, dessen Musik Bach zunächst für eine weltliche Glückwunschkantate aus Anlass des 43. Geburtstags von Christian, Herzog von Sachsen-Weißenfels, komponiert hatte, verwendete Bach die Musik noch einmal. Und zwar für einen Anlass, der nicht lediglich eine Gelegenheit war, wie der Geburtstag einer Monarchin, sondern vielmehr für eine wiederholte Aufführung geeignet war.

Blick in das Mittelschiff der Thomas-Kirche in Leipzig. Hier wurde das Weihnachtsoratorium erstmalig aufgeführt. Auf der Chorempore des Thomanerchores sieht man die Sauer-Orgel von 1889.
Eine wichtige Tradition
Und Bach würde sicher staunen, wenn er wüsste, wie häufig seine einst schon von ihm selbst "recycelte" Musik noch heute aufgeführt wird. So ist es auch für die rund 50 Sänger:innen der vor neun Jahren neu gegründeten Kreuzberger Kantorei von St. Jacobi mittlerweile zu einer wichtigen Tradition geworden, Bachs Weihnachtsoratorium aufzuführen.
Zwar führte die Kantorei auch schon Weihnachtsmusik anderer Komponisten, wie etwa Händels „Messiah“, auf. Aber immer wieder kommt man auf Bach zurück.
Zunächst am Samstagnachmittag mit dem Weihnachtsoratorium in einer besonderen Fassung für Kinder. Die Kirche ist an diesem Nachmittag wieder rappelvoll. Ganz vorne im Kirchenraum können es sich die Kinder auf Matten gemütlich machen und den Musiker:innen ganz nah sein. Und eine Hirtin, gespielt von einer Gemeindepädagogin, ist auch dabei. Sie mischt sich unter die Kinder und erzählt ihnen von der Weihnachtsgeschichte. Dabei können die Kinder nicht nur der Musik zuhören, sondern auch die einzelnen Instrumente besser kennenlernen.
Am Sonntagabend folgte dann das Hauptkonzert unter der Leitung von Kantor Christoph Ostendorf. Mal singt die Kantorei das Oratorium mit den Kantaten 1-3 wie in diesem Jahr, in anderen Jahren auch schon mal zusätzlich mit der Kantate 6.
Musik nicht nur für den Augenblick
Welche Bedeutung hat das Singen im Chor für die Sänger:innen von St. Jacobi? Im Coronajahr 2020 musste nicht nur das Weihnachtskonzert ausfallen. Ein Jahr später und nach längerer musikalischer Abstinenz war es dann ein ganz besonderes Konzert für alle, die Sänger:innen der Kantorei wie für das Publikum gleichermaßen. Aufgrund der Einschränkungen wurde das Weihnachtsoratorium zwar lediglich mit Klavierbegleitung und der Altistin aufgeführt. Aber das schmälerte keineswegs das, was ein Singen im Chor sowie die Musik ganz allgemein ausmacht: Es wird gemeinsam etwas erschaffen, das nicht nur für den Augenblick Bedeutung hat und das Hoffnung gibt.
Fontane an Weihnachten
Und wie erging es nun Fontane seinerzeit an Weihnachten? Gehörte auch für ihn Bachs Weihnachtsoratorium einfach an Weihnachten dazu? Vermutlich nicht. Jedenfalls nicht so, wie für viele Menschen heute. Zu Bach geäußert hat sich Fontane in seinen Schriften zumindest nicht, sodass sich hieraus nichts ablesen lässt.
Aber das 19. Jahrhundert war die Zeit der Bach-Renaissance. Und die hatte ihren Ausgangspunkt ausgerechnet in Berlin. Wenige Kilometer von St. Jacobi entfernt, fand am 11. März 1829 die erste Wiederaufführung von Bachs Matthäus-Passion durch die Berliner Singakademie unter Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy statt. Dieses Ereignis gilt heute als die Initialzündung für die bis heute ungebrochene Popularität Bachs.
Die Wiederentdeckung des Weihnachtsoratoriums
Und ebenso war es die Berliner Singakademie, die 1857 erstmalig wieder das gesamte Weihnachtsoratorium von Bach aufführte. Auch das Originalmanuskript des Werks befindet sich seit dem 19. Jahrhundert in Berlin, genauer, im Besitz der Berliner Königlichen Hofbibliothek, heute Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz.
Möglicherweise ist also auch an Fontane die Bach-Renaissance nicht vorbeigegangen und er war mit den Werken des Leipziger Thomaskantors vertraut. Ob er auch das Weihnachtsoratorium einmal gehört hat und ob es ihm gefiel, kann man daher nur mutmaßen.
Zumindest Fontanes zeitweise Heimat Berlin hat auch für Bach und das Weihnachtsoratorium eine besondere Bedeutung und das Weihnachtsoratorium und Bach nach wie vor für Berlin – ebenso wie für die Sänger:innen von St. Jacobi in Berlin-Kreuzberg.
Text und Abbildungen: Torben Bührer
Dieser Text entstammt dem Keys Cafe Newsletter #4 vom Dezember 2025.

Die Kreuzberger Kantorei im Kirchenraum von St. Jacobi während des Konzerts am 2. Advent
