Tastenreise #3 (Fortsetzung)
Auf Bachs Spuren in Köthen
An einem sehr warmen Spätsommertag Anfang September 2024 machte ich mich zum ersten Mal auf, um von Berlin nach Köthen zu den "Köthener Bachfesttagen" zu fahren. Dieses bereits seit 1967 alle zwei Jahre stattfindende kleine Musikfestival zeichnet sich durch seinen ländlichen Charme aus und hat dennoch viel zu bieten. International renommierte Musiker:innen kommen eigens in dieses verschlafene Städtchen um ihren Zuhörer:innen die Alte Musik näher zu bringen.
Bach im Spiegelsaal des Köthener Schlosses
Ich hatte das Vergnügen, den französischen Cembalisten und Organisten Benjamin Alard an J. S. Bachs einstiger Wirkungsstätte zu hören. Der junge Bach verbrachte hier immerhin sechs Jahre seines Lebens als Hofkapellmeister bevor er dann 1723 mit seiner Familie nach Leipzig übersiedelte. Hier entstanden so wunderbare Werke wie das Wohltemperierte Klavier Teil I, Teile der Brandenburgischen Konzerte und die Englischen und Französischen Suiten. An diesem Nachmittag spielte Benjamin Alard das 1735 komponierte Italienische Konzert im Spiegelsaal des Köthener Schlosses auf einem zweimanualigen Cembalo.
Die Instrumente der Musicalien-Kammer erklingen
Das für mich eigentliche Highlight meines Besuchs in Köthen ereignete sich dann aber im Anschluss an dieses Konzert. Ich hatte die Gelegenheit, die seit 2021 im Köthener Schloss befindliche beachtliche Sammlung historischer Tasteninstrumente zu bewundern. Und was noch besser war, anders als sonst bei Sammlungen solcher Musikinstrumente üblich, blieben die Instrumente der "Neuen Musicalien-Kammer" nicht stumm sondern wurden zur Freude der Teilnehmer:innen der kleinen Führung von der Pianistin Silvia Ackermann angespielt. Man konnte ihr beim Spielen regelrecht über die Schulter schauen und die Instrumente so hautnah erleben.
Die von dem Restaurator und Sammler historischer Tasteninstrumente Georg Ott ins Leben gerufene Sammlung diverser Fortepianos soll an die bereits von dem zu Bachs Zeiten regierenden Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen (1694-1728) betriebene Sammlung historischer Tasteninstrumente anknüpfen. Damals sollen sich rund 50 solcher Instrumente am Fürstensitz befunden haben.
Und obwohl ich schon einige Instrumente in Konzerten gehört und in Museen gesehen hatte, war die Erfahrung, diese Wunderwerke menschlicher Schöpferkraft aus nächster Nähe zu erleben, eine kleine Offenbarung. Das oberste Bild entstand an jenem Nachmittag und zeigt einen sogenannten Tangentenflügel (Ende 18. Jahrhundert) aus dieser Sammlung sowie eine Harfe. Bei einem Tangentenflügel werden die Saiten mit Holzstiften, sogenannten Tangenten, angeschlagen und nicht wie beim Cembalo von Kielen angerissen. Es handelt sich um eine frühe Form des Hammerklaviers, bei dem noch keine leder- beziehungsweise wie später dann filzbezogenen Hämmerchen die Saiten anschlagen.
Der Tangentenflügel als Scharnier zwischen Cembalo und Hammerklavier
Zwischen einer barocken Truhenorgel, kleinen Hammerklavieren für den Hausgebrauch und Instrumenten, die der Wiener Klassik ihren Glanz verliehen, streifte ich umher. Der oben beschriebene Tangentenflügel lässt allein von seiner Erscheinung und auch seinem glasklaren, obertonreichen Klang her noch ganz die Verwandtschaft zu seinem historischen Vorläufer, dem Cembalo, erkennen. Der Klang entsprach also noch ganz den bisherigen damaligen Hörgewohnheiten. Während hingegen die späteren Klaviere von ihrer Form und auch ihrem Klang her klar den Weg in Richtung unseres heutigen Klavieres weisen und wiederum auf dem Tangentenflügel aufzubauen scheinen.
Der zarte Klang eines Querhammerflügels
Am meisten beeindruckt hat mich persönlich der zarte Klang des hier abgebildeten Querhammerflügels. Von seiner äußeren Gestalt her erinnert er an ein Spinett und knüpft damit noch an die Formensprache des Barock an. Der Klang entspricht hingegen aber ganz der von der Empfindsamkeit geprägten Epoche, der das Instrument entstammt. Die Pianistin Silvia Ackermann erläuterte nach dem Anspielen dieses kleinen Zauberkastens, dass es in jener Zeit gerade darum gehen sollte, sich gegenseitig bei der Entwicklung noch leiserer und zarterer Instrumente zu überbieten. Ein unserem heutigen Zeitgeist scheinbar völlig zuwiderlaufender Wunsch.
Beim Erleben dieser Musikinstrumente wurde mir noch einmal sehr bewusst, dass man die Geschichte des Klaviers kaum richtig verstehen kann, wenn man sich nicht auch mit seinen Vorläufern, allen voran dem Cembalo aber auch dem Clavichord beschäftigt. Zugleich darf man auch den jeweiligen Zeitgeist, dem die Instrumente entstammen, nicht aus dem Blick verlieren.
Nähere Informationen zur Neuen Musicalien-Kammer und den dort ausgestellten Instrumenten auf der Homepage des Schloss Köthen unter https://www.schlosskoethen.de/museen/museum/Neue%20Musicalien-Kammer
Text: Torben Bührer
Dieser Text entstammt der Oktober-Ausgabe des Keys Cafe Newsletter.

Tangentenflügel, Ende des 18. Jh., Süddeutschland.

Querhammerflügel in Spinettform, Mitteldeutschland um 1775.

Das Köthener Schloss, dessen ältester heute erhaltener Teil bis ins Jahr 1597 zurückreicht.
