Barocke Orgelklänge aus der Verbotenen Stadt
Tastenreise #1
Was hat eine preußische Prinzessin mit dem KGB zu tun? Und wie kommt eine 300 Jahre alte Barock-Orgel in einen gerade mal 130 Jahre alten Berliner Stadtteil? Komm mit auf meine erste Tastenreise!
Um diesen Fragen nachzugehen, schwang ich mich an einem sommerlichen Sonntagnachmittag im Juli auf mein Rad und fuhr in Richtung Berlin-Karlshorst. Hier sollten die Antworten auf meine Fragen zu finden sein. Und zugleich versprach dieser Nachmittag noch himmlische Klänge auf die ich mich schon seit Langem freute. Aus Richtung Ostkreuz geht es zunächst vorbei am alten Kohlekraftwerk Klingenberg, das mit seinem industriellen Charme an einer vierspurigen Ausfallstraße der Hauptstadt liegt.
Hier ist das touristische Berlin weit entfernt, die Museumsinsel liegt rund acht Kilometer in Richtung Westen. Dann geht die Fahrt weiter, vorbei an einer riesigen Neubausiedlung, über die Ehrlichstraße hinein in den in diesem Jahr sein 130jähriges Bestehen feiernden Stadtteil Karlshorst. Dieser tief im Osten Berlins liegende Stadtteil gehört heute zum Bezirk Lichtenberg. 1895 als Villenkolonie gegründet, wurde er als einer der beliebtesten Vororte Berlins auch als "Dahlem des Osten" bezeichnet.
Im Volksmund avancierte Karlshorst dann nach dem Zweiten Weltkrieg zur "Verbotenen Stadt". Hier wurde am 8. Mai 1945 mit der Unterzeichnung des Kapitulationsvertrags das Ende des Krieges besiegelt. Hier befand sich das Hauptquartier der sowjetischen Besatzungsmacht. Ein Großteil "Karolawas" wurde von den Sowjets zum Sperrgebiet erklärt. Die größte Zentrale des KGB außerhalb der Sowjetunion war hier.
Ziel meiner kleinen Tastenreise sollte an diesem Tag aber nicht etwa das Museum Berlin-Karlshorst, in dem sich Interessierte über die Geschichte der sowjetischen Besatzung informieren können, sondern eine weitaus ältere Attraktion sein: Die Amalien-Orgel von 1755. Sie befindet sich mittlerweile in der 1910 eingeweihten evangelischen Pfarrkirche "Zur frohen Botschaft" mitten in Karlshorst. Wie aber kommt eine um 140 Jahre ältere Orgel in einen eher neueren und vom Trubel der Hauptstadt abgeschiedenen Vorort wie Karlshorst?

Seit 1956 befindet sich die Amalien-Orgel in der Kirche "Zur frohen Botschaft" in Berlin-Karlshorst.
"Die Kanaille" lauscht den Klängen der Prinzessin
Voller Freude berichtete Prinzessin Anna Amalia von Preußen (1723-1787) darüber, dass unter ihrem Fenster "die Kanaille" den Klängen ihres Spiels auf ihrer neuen Orgel lauschte. Die Tochter des "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelm I. und Schwester Friedrichs II. hatte ein Jahr vor Beginn des Siebenjährigen Kriegs endlich die von ihr ungeduldig erwartete Hausorgel bekommen.
Dieses Wunderwerk barocker Orgelbaukunst wurde eigens für die junge Prinzessin gebaut und fand ihren Platz zunächst im Balkonzimmer des Berliner Stadtschlosses. 1767 wurde sie dann in Anna Amalias neues Palais Unter den Linden 7 gebracht. Dieses Palais wurde im Krieg zerstört. An seiner Stelle findet sich heute die Russische Botschaft. Anna Amalia beherrschte mehrere Musikinstrumente und komponierte selbst. Sie war eine große Verehrerin J. S. Bachs und sammelte viele seiner Noten und Manuskripte. Ohne ihre Sammelleidenschaft wäre möglicherweise das heute bekannte Werk Bachs um viele Notenschriften ärmer. Diese für die Bachforschung bedeutende Amalien-Bibliothek, die auch Werke anderer Komponisten wie des Bachsohns Carl Philipp Emanuel Bach sowie Händels oder Grauns umfasst, befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin.
Zur Einweihung der Orgel im Saal des Lustgartenflügels im zweiten Stock des Berliner Stadtschlosses komponierte Carl Philipp Emanuel Bach eigens vier Orgelsonaten nebst Widmung für die junge Prinzessin.
Vis-a-vis mit dem Glück
Ich habe an diesem Nachmittag die Gelegenheit auf der Orgelempore vis-a-vis mit diesem wunderbaren Instrument dem klaren und zugleich behutsamen, gar empfindsamen Klang dieses Schatzes zu lauschen. Ab und zu werden hier Orgelkonzerte veranstaltet - kostenlos gegen eine freiwillige Spende. An diesem Sonntag ertönt auch wieder Musik Carl Philipp Emanuel Bachs. Aber auch die um einiges älteren Werke der Engländer William Byrd und Henry Purcell passen hervorragend zu diesem Instrument. Bei einem zeitgenössischen Werk des Österreichers Franz Danksagmüller kommt die klangliche Vielfalt der Orgel dann so richtig zum Tragen. Nach dem Konzert bemerkt der britische Organist Henry Fairs so zutreffend im Gespräch mit einigen Konzertbesucher:innen, dass es sich bei dieser Orgel um einen wahren Glücksfall für Berlin handele.
Ein Glücksfall aber ist es vor allem, dass diese älteste Barockorgel Berlins überlebt hat. Und dass ihr Erbe nun so wunderbar von ehrenamtlich Engagierten in Karlshorst und der Gemeinde gepflegt wird. Es gibt sogar eigens einen Förderverein, der sich der Pflege der Orgel verschrieben hat (www.amalien-orgel.de).
Die Reise der Amalien-Orgel durch Zeit und Berlin
Nach dem Tod Anna Amalias fand die von Peter Migendt und Ernst Julius Marx erbaute Amalien-Orgel zunächst ihren Weg als Schenkung des Bruders von Anna Amalia, Prinz Ludwig von Preußen, in die Schlosskirche in Berlin-Buch. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Orgel zerlegt. Größenteils wurde sie bei der Orgelbaufirma Schuke in Potsdam eingelagert. Der Prospekt, also der sichtbare Teil der Orgel, wurde samt Pfeifen in St. Marien in Berlin-Mitte, zum Teil auch in der Berliner Münze, ebenfalls in Mitte, eingelagert.
Wie ging es mit der Amalien-Orgel nach Ende des Zweiten Weltkriegs weiter? Die mit 22 Registern versehene, zweimanualige Orgel samt Pedalen wurde 1956 der Gemeinde in Karlshorst geschenkt. Deren Orgel war nämlich in den Wirren des Krieges verschwunden. 1960 konnte sie wieder aufgebaut und durch die Orgelwerkstatt Schuke restauriert werden. Nach umfangreicher Restaurierung konnte sie im Jahr 2010 wieder eingeweiht werden.
Am Ende des rund einstündigen Konzerts auf diesem barocken Juwel empfinde ich Bewunderung für die Menschen, die dieses kulturhistorische Meisterwerk geschaffen und sich dafür eingesetzt haben, dass es heute noch bestehen kann. Ein Symbol dafür, dass Schönheit, Vernunft und Menschlichkeit überdauern. Die Amalien-Orgel hat den Wirren der Jahrhunderte standgehalten und erstrahlt mehr denn je in klanglichem und optischen Glanz.
Literatur:
Bullmann, Franz (Hrsg.), Die Wiedergeburt einer Königin - Geschichte und Restaurierung der Amalien-Orgel in Berlin, Dresden 2010.
Dieser Text entstammt dem Keys Cafe Newsletter #1.

Die Amalien-Orgel aus dem Jahr 1755 während eines Konzerts.
