Schalmei und Lederjacke
Die Capella de la Torre feiert ihren 20.
Udo Lindenberg träumte lange Jahre davon, vor seinen Fans in der DDR spielen zu dürfen. Doch die DDR-Führung verweigerte ihm dies. Erst 1983 durfte er dann sein einziges Konzert im Palast der Republik in Ost-Berlin vor FDJ-Angehörigen geben. Draußen standen seine wahren Fans, abgeschirmt von der Stasi.
Zuvor hatte Lindenberg bei Erich Honecker um eine Auftrittsgenehmigung gebeten und schickte eine Lederjacke mit. Honecker antwortete und fügte seinem Schreiben eine Schalmei bei. – Moment. Eine Schalmei? Was hat eine Vorläuferin der Oboe mit einer Lederjacke und Udo Lindenberg zu tun?
Von morgens bis abends möge die Schalmei ertönen
Vielleicht antwortete der Staatsratsvorsitzende damit auf einen Songtext von Lindenberg in dem dieser von einem Generalsekretär fabuliert, der lieber „Gitarren statt Knarren“ mag und von einem „Staatsratsmeister“, der dem ZK prophezeit, dass „von morgen bis abends“ die Schalmei ertönen werde. Oder aber vielleicht auch, weil sich die Schalmei als Instrument in der DDR großer Beliebtheit erfreute. Nicht zuletzt aber diente die sogenannte Martinstrompete häufig eher zur musikalischen Untermalung von Arbeiterliedern bei FDJ-Umzügen.
Pommer, Dulzian, Zink und Posaune
Heute ertönt die Schalmei wieder im ehemaligen Ost-Berlin. Aber nicht nur dort, sondern weltweit. Und nicht allein, sondern zusammen mit anderen wunderbaren Blasinstrumenten wie etwa Pommer, Dulzian, Zink und Posaune. Dazu Flöten und Lauten, Cembalo und Orgel. Diese Wiederkehr ist der Oboistin und Schalmeispezialistin Katharina Bäuml zu verdanken.
Vor 20 Jahren gründete sie die Capella de la Torre. Seither leitet sie das Ensemble, das sich der Musik vom 14. bis zum 17. Jahrhundert verschrieben hat. Aber auch keine Probleme damit hat, etwa gemeinsam mit Jazzmusiker:innen zu improvisieren. Denn anders als es vielleicht der Name vermuten lässt, ist es keineswegs Musik vom Turm, gar dem akademischen Elfenbeinturm der historisch informierten Aufführungspraxis, herab. Sondern es ist Musik, die die heute manchmal starr wirkende Abgrenzung zwischen den Musiker:innen auf der Bühne und dem Publikum aufzuheben versucht.
Der Konzertsaal wird zur großen Bar
Und das ist auch das erklärte Ziel von Katharina Bäuml und ihrer Capella. Das Ensemble mischt sich unter die Menschen und möchte sie mitreißen. Das gelingt auch an diesem Abend des 24. Oktober ganz wunderbar beim Jubiläumskonzert der Capella de la Torre zu ihrem 20jährigen Bestehen in der Villa Elisabeth in Berlin-Mitte. Bei der Villa Elisabeth handelt es sich um das ehemalige Gemeindehaus der Elisabethkirche als einer der vier Schinkelschen Vorstadtkirchen Berlins. Sie ist mit ihrem historistischen Galeriesaal eine passende Kulisse für die Capella.
Katharina Bäuml erzählt den Zuhörer:innen zwischen den Stücken an diesem Abend anekdotenreich, wie die Musik der Capella verstanden werden will und warum das Ensemble immer wieder bei seinen Konzerten die erst im 19. Jahrhundert entstandene und heute übliche Konzertform aufzuheben versucht. Am Ende des Konzerts tummeln sich die Musiker:innen im Publikum und verteilen Prosecco, Mineralwasser und Brezeln zum Anstoßen auf das Jubiläum. Der Konzertsaal wandelt sich auf einmal in eine große Bar. Musiker:innen und Publikum kommen ins Gespräch. Es ist einfach ein Abend, der Spaß macht.

Die Elisabeth-Kirche ist eine der vier Schinkelschen Vorstadtkirchen Berlins
Die Schalmei als besserer Dirigierstab
Dass die Capella über die zwei Jahrzehnte zu einem erfrischend aufgeweckten Ensemble mit einem ganz eigenen Sound zusammengewachsen ist, kann man an diesem Abend nicht nur hören sondern regelrecht sehen. Katharina Bäuml und ihre Musiker:innen sprühen vor Freude während des Konzerts.
Die Musiker:innen kommen mithilfe einer Videoprojektion zwischen den Stücken zu Wort und erzählen von ihren Lieblingshits aus zwei Jahrzehnten. Und Katharina Bäuml leitet wie gewohnt nicht etwa vom Orgelpositiv oder vom Cembalo aus, sondern mithilfe ihrer Schalmei mit der sie, wie sie selber sagt, sogar besser dirigieren könne als mit den Händen.
Das reiche Klangspektrum der Renaissance
Heutzutage muss man schon eher in ein Musikinstrumentenmuseum gehen, um historische Instrumente der Renaissance zumindest in einer Vitrine bestaunen zu können. Viel besser ist es aber, man besucht gleich ein Konzert der Capella de la Torre. Denn das einstmals so reiche Instrumenten- und Klangspektrum der Renaissance wird hier erlebbar. Ebenso wie die Kompositionen der Renaissance. Zwischen norddeutsch-protestantischer Feinheit eines Dieterich Buxtehude und italienischer Leichtigkeit und dem Affektreichtum eines Claudio Monteverdi zeigt die Capella an diesem Abend wie facettenreich Renaissancemusik ist.

Der Galeriesaal der Villa Elisabeth diente früher als Gemeindesaal
Vom Werden bis zum Vergehen
Mich persönlich beeindruckt hat dabei die Intensität und Zeitlosigkeit der anonymen Komposition „Passacaglia della vita“, deren Entdecker:innen an diesem Abend sogar im Publikum sitzen. Hier wird besonders spürbar, wie sehr der Lebenszyklus vom Werden bis zum Vergehen immer wieder die Musik der Renaissance bestimmt hat. Vor allem die Sopranistin Margaret Hunter ist an diesem Abend mit ihrer Ausdrucksstärke und Sanftheit in der Stimme ein großer Gewinn. Für beschwingte Heiterkeit sorgten vor allem die Ciaconnen von Dieterich Buxtehude und Tarquinio Merula.
Das zu Anfang gemeinsam mit dem Jugendensemble Alte Musik Berlin (JAM) aufgeführte Stück „O che nuovo miracolo“ von Emilio de Cavallieri bildete zusammen mit dem am Ende interpretierten Stück „Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen“ von Dieterich Buxtehude einen schönen Rahmen des Konzertabends.
Wer das Konzert nachhören möchte, kann es als Mitschnitt von Deutschlandfunk Kultur in der Deutschlandfunk Mediathek unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/jubilaeumskonzert-20-jahre-capella-de-la-torre-ein-fest-der-renaissance-musik-102.html abrufen.
Das nächste Konzert von Katharina Bäuml und der Capella de la Torre „Anne de Bretagne – Une femme d'esprit“ findet statt am 11.12.2025, 19.30 Uhr, im Pierre-Boulez-Saal, Berlin. Näheres unter:https://www.boulezsaal.de/de/event/capella-de-la-torre-katharina-baeuml-593156
Autor: Torben Bührer

Katharina Bäuml ist Gründerin und Leiterin der Capella de la Torre

Die Capella de la Torre beim Jubiläumskonzert im Galeriesaal der Villa Elisabeth in Berlin-Mitte
